Die extremen Parteien in Frankreich verlieren an Boden

Von Paul Bourdin

Die Franzosen sind im Begriff, ihre Selbstsicherheit wiederzugewinnen. Das zeigt sich in vielen Symptomen des täglichen Lebens und wird sogar schon in einem größeren außenpolitischen Selbstbewußtsein deutlich. Der auf die Sicherheit seiner Zukunft bedachte, sparfreudige Franzose fühlt wieder Boden unter seinen Füßen, seitdem die Preise nicht mehr steigen, sondern langsam aber sicher zurückgehen. Mit der wirtschaftlichen Normalisierung scheint neuerdings auch eine innerpolitische Gesundung Hand in Hand zu gehen.

Das politische Leben Frankreichs hat seit Jahren darunter gelitten, daß zwischen den regimefeindlichen Extremen der Gaullisten und der Kommunisten die Koalition aller demokratischen Parteien gerade ausreichte, um der heterogenen Opposition, die sich bei jeder entscheidenden Abstimmung zusammenfinden konnte, gewachsen zu sein. Raum für eine demokratische Opposition gab es nicht. Sie wäre der Auslieferung der Demokratie an die Diktatur von rechts oder von links, dem Selbstmord des Regimes gleichgekommen. Um die Koalition zusammenzuhalten, war die Regierung daher weitgehend zur Bewegungslosigkeit verurteilt, und die äußeren Flügelparteien der Mehrheit, die Konservativen und die Sozialisten, waren gezwungen, die Regierung unter Verleugnung ihrer eigenen Ziele am Leben zu erhalten. Jeder Regierungssturz drohte der Diktatur das Bett zu bereiten.

Unter diesem Widerspruch zwischen konservativer Praxis und reformativem Programm hatten vor allem die Sozialisten zu leiden, sie verloren die mit Recht unzufriedene Arbeiterschaft an die Kommunisten, so daß es heute in Frankreich keine legale Arbeiterpartei mehr gibt. Die Arbeiterschaft ist aus dem demokratischen Kräftespiel ausgeschieden. Aber auch die Konservativen hatten an Anhang verloren. Ihre Wähler waren zu den Gaullisten geströmt, in denen sie die einzige Rettung vor dem Kommunismus erblickten. Dadurch hatte die heroische, revolutionäre Partei einen Strukturwandel erfahren, sie war zu einer Partei ängstlicher, unzufriedener Bürger und Kleinbürger geworden.

Neun Millionen Unzufriedene

Diese zentrifugalen Tendenzen nach rechts und nach links sind schon seit einiger Zeit zum Stillstand gekommen. In dem Maße, in dem die kommunistische Gefahr nachließ, verebbte auch die gaullistische Welle, mindestens soweit sie eine Panikreaktion angesichts dieser Gefahr war. Es blieb jedoch die Unzufriedenheit mit den bestehenden Zuständen. Sie drückte sich noch genau vor einem Jahr, bei den letzten Wahlen am 17. Juni 1951, in neun Millionen Stimmen aus, fünf Millionen kommunistischen und vier Millionen gaullistischen. Seit dem Regierungsantritt Pinays scheint nun von beiden Seiten her eine rückläufige Bewegung, eine Konzentration nach der Mitte hin, in Gang zu kommen. Wie immer in Frankreich beginnt am Rande des Abgrundes der bon sens über die revolutionäre Geste zu siegen und sich auf eine maßvolle Mittellinie einzuspielen. Statt sich einem extremen „Retter“ an den Hals zu werfen, wozu andere Völker neigen, vertraut sich das im Grunde stockkonservative französische Volk in Stunden der Gefahr lieber einem Poincaré, Queuille oder Pinay an.