Von Martin Beheim-Schwarzbach

Mutti, was ist Zwirn?“ fragte ein kleines Mädchen, nachdem sein Vati den oben angedeuteten Fluch ausgestoßen hatte.

Der Himmel, der sich über allem wölbt, darf gewiß auch bei einem Kinde von mäßiger Auffassungsgabe als bekannt vorausgesetzt werden, und zwar sowohl in-seiner sachlichen Bedeutung als etwas, das blau oder bewölkt sowie hoch oben ist, wie in seiner religiösen Bedeutung als Sitz des lieben Gottes – außer bei den atheistisch oder existentiell erzogenen Kindern – wie endlich auch in seiner Bedeutung als Fluch, welche sich gegen die anderen Bedeutungen siegreich durchgesetzt hat, jedenfalls bei denjenigen Vatis, die an der Front oder gar in der Etappe gewesen sind.

Was den in der Mitte des Gesamtfluches genannten Gegenstand betrifft, so hat es viel für sich, ihn in Damengesellschaft und im Zeitungsdruck durch Anlegung eines ähnlich klingenden Wortes, gleichsam mit einer Tarnung, besonders zu ehren. In der hohen Literatur ist dies nicht nötig, da sich das Wort hier Salonfähigkeit erworben hat. Die Tarnung ist denn auch bei der vorliegenden Untersuchung in der Überschrift vorgenommen worden; es sei jedoch betont, daß der hier vorkommende Vati den Fluch in seiner unbearbeiteten Originalfassung ausgestoßen hat, denn wir dürfen uns etwa vorstellen, daß er mit seiner Einkommensteuererklärung beschäftigt war. (Die Tarnung mit Arm hat den Vorteil, daß der akustische Wohllaut des Ganzen mit nur geringer Einbuße gewahrt bleibt, sowie zweitens, daß es sich dabei ebenfalls um einen Gegenstand aus der menschlichen Physis handelt.)

Wie konnte eine so eigentümliche Zusammensetzung von Begriffen mit dem Endresultat eines kräftigen Fluches in der Sprache, diesem „geistigen Raum der Nation“, vor sich gehen? Als Zeitpunkt für das Entstehen darf die Periode des ersten Weltkrieges gelten; es ist der Forschung nicht gelungen, den Fluch im Munde irgendeines Mannes deutscher Zunge schon zu einer früheren Zeit nachzuweisen. Man darf vermuten, daß es irgendwo an der Front und in einer prekären Situationen war, wie wir ja den prekären Situationen in Kriegen, wo nichts sonst, so doch die Geburt neuer Flüche verdanken. So erinnern wir an die oratorische Meisterleistung, die dem Hauptmann der Napoleonischen. Garde bei Waterloo zugeschrieben wird, als er zur Übergabe aufgefordert wurde; er antwortete mit dem schlichten Merde!, woraus die Berichterstattung, um mehr Gefälligkeit bemüht, den schönen Satz „La gar de meurt, man elle ne se rend pas!“ machte.

Der Entstehungsort unseres Fluches ist nicht feststellbar, da es zu viele Fronten gab; nur die Wahrscheinlichkeit spricht für eine Front überhaupt, obgleich es eine Richtung der Fluchforschung gibt, die die Auffassung vertritt, in den Etappen sei mehr und origineller geflucht worden als an den Fronten. Ebenso bleibt der Urschöpfer in Dunkel gehüllt wie der Verfasser oder Komponist manches schönen alten Volksliedes, und nur nachfühlend können, wir uns in seine Gemütsverfassung und die in ihm wirkenden sprachästhetischen Kräfte hineintasten.

„Himmel, Arm und Zwirn!“ Die scheinbare Willkürlichkeit in der Zusammenfügung dreier solch heterogener Gegenstände zu einer geschlossenen Einheit berechtigt zu der Frage, welche geheime Gesetzmäßigkeit dieser Schöpfung wohl zugrunde liegen mag. Was sich als nächstliegende Erklärung aufdrängt, erweist sich auch vor der Tiefensonde als stichhaltig: es ist das Gesetz von dem deklamatorischen Effekt der Antithese, das sich, in der Regel auf eine Zweiheit angewandt, auch in dreiheitlichem Sinne bewährt. Als erstes wird das Oberste, als zweites das Unterste beschworen, was sich dem Menschen aus seiner Ganzheit darbietet – trägt er doch den einen als idealen Bestandteil seines höheren Ich in seinem Herzen, während ihm der andere als subrealistischer Bestandteil seines banalen Ich zum Sitzen und zu noch Banalerem dient, wie etwa zum Empfang von Fußtritten.