Der Extratour Bayerns auf dem Kapitalmarkt ist kurze Zeit später eine nicht minder überraschende Sonderaktion in Baden, hier aber auf dem Gebiet der Lebensversicherung, gefolgt Das Vorgehen der Karlsruher Gesellschaft war nur möglich, weil die Landesaufsichtsbehörde für Württemberg-Baden in der Endphase ihres Daseins, kurz vor dem Übergang ihrer Funktionen an das Bundesaufsichtsamt, dem „Index-Gewinnplan“ ihre Zustimmung gab. Sie hätte wohl besser daran getan, die Prüfung der Angelegenheit der neuen Zentralinstanz zu überlassen. Und die Karlsruher Lebensversicherung wird den Vorwurf einstecken müssen, daß sie es an Loyalität gegenüber den anderen Versicherungsunternehmungen habe fehlen lassen, als sie ihren „Gewinnplan“ ohne vorherige Abstimmung mit diesen startete.

In der Lebensversicherung sind zusätzliche Leistungen an die Versicherten, nach verschiedenen Systemen und unter verschiedenen Bezeichnungen (laufende Dividende, Prämienrückvergütung, Schlußdividende, Bonus) gewählt, ja durchaus nichts Neues. Solche zusätzlichen Leistungen lassen sich nur insoweit ermöglichen, als die Zinserträgnisse aus den Kapitalanlagen des Versicherungsunternehmens günstiger, ausfallen, als nach vorsichtigster Kalkulation zu erwarten war. Das Besondere beim „Karlsruher Plan“ ist nun, daß zusätzliche Leistungen für einen Teil der Versicherungen dann in Frage kommen sollen, wenn „der Index“ gestiegen ist. Bleibt das Preisniveau stabil, oder sinkt „der“ Index, so haben alle Versicherten die Chance, solche zusätzlichen Leistungen zu erhalten. Ist aber „der“ Index gestiegen, so bleiben die auf den Erlebensfall gestellten Versicherungen ohne zusätzliche Leistungen, während sich nach zweijähriger Karenzzeit bei Todesfall die Versicherungssumme im gleichen Maße erhöht, wie „der“ Index mittlerweile gestiegen ist – allerdings maximal nur um 50 v. H., und auch nur dann, wenn der Todesfall vor Vollendung des 70. Lebensjahres eintritt. Ob der „Index-Gewinnplan“, mit diesen Klauseln, für das einen Versicherungsschutz anstrebende Publikum genügend attraktiv ist, kann nur die Praxis erweisen. Die Reaktion des Publikums wird aber vermutlich ganz überwiegend so sein, daß der Werber gefragt wird: welche „wertbeständigen“ Anlagen denn die Versicherungsgesellschaft in der Hinterhand habe, dank deren sie im Falle eines Abrutschens der Währung die Zahlung einer Ausgleichssumme zusagen könne? Und wenn „der Herr vorn Außendienst“ dann antwortet, daß es sich nicht um wertbeständige, sondern um ohnedies vorhandene Reserven handele – so wird wohl die erstaunte Frage lauten: „Wer bekommt denn diese Reserven, wenn der Index nicht steigt?“ und weiter: „Ist es da nicht vernünftiger, die Prämien allgemein zu senken, und allen Vesricherten das eventuelle Risiko für Preissteigerungen wie bisher zu überlassen?

Es gibt in diesem Zusammenhang noch eine ganze Reihe weiterer sehr berechtigter Fragen. So etwa: was geschieht, wenn das Statistische Bundesamt „den“ Index auf eine andere Basis umstellt, oder seine Berechnung einstellt? Solange kein Gesetz existiert, das die Wiesbadener zur laufenden Veröffentlichung ihrer Indexberechnungen verpflichtet, steht der Karlsruher Indexplan ja doch wohl auf recht wackeligen Füßen... Noch mehr ist das allerdings der Fall bei der Propaganda, die für ihn gemacht wird, so z. B. in der Zeitschrift „Versicherungswirtschaft“ (Heft 10) durch Bankrat a. D. Dr. Closs. Der Verfasser basiert seine gesamte Argumentation auf die von ihm erfundene These, daß es „Schwankungen in der Kaufkraft des Geldes auch bei völliger Stabilität der Währung“ geben könne – wobei er also hätte hinzufügen müssen: stabil, gemessen an echten (marktbedingten) Außenkursen; so, wie es geschrieben steht, kommt die Logik eben zu kurz. Freilich ist der Autor allen Ernstes der Meinung, daß „das Problem der Kaufkraftschwankungen von der Frage der Währungsstabilität völlig getrennt ist“. In Wirklichkeit freilich läuft die Unterscheidung zwischen Kaufkraftschwankungen und mangelnder Währungsstabilität auf dasselbe hinaus, wie für den Kraftfahrer, der eine ihm unbekannte unübersichtliche Straße, zu fahren hat, der Übergang von Strecken mit leichtem Gefälle zu Stellen, wo es steiler bergab geht. Es steht aber fest: Genau weiß man’s immer erst hinterher, wie’s gewesen ist... Georg Kessel