Jakob Stab: Die Teufelsschule. Aus dem Vermächtnis eines Arztes (Verlag Josef Knecht, Frankfurt am Main, 334 S., Leinen 11,50 DM).

Margarete Windthorst: Das lebendige Herz. (G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Hamm/Westfalen, 423 S., Leinen 10,– DM.)

Eine Zeitlang wurde in Romanen mit Vorliebe der „Gottsucher“ dargestellt. Das war ein Mensch, der nicht zufrieden war, bis er einen für ihn passenden Gott gefunden hatte und der infolgedessen nie einen fand, weil ihm kein Gottesgedanke, der schon gedacht worden ist, für seine Ansprüche genügte. Der Arzt, dessen Vermächtnis den Inhalt von Jakob Stabs Teufelsschule ausmacht, ist kein Gottsucher in diesem Sinne. Ihn nimmt das Mysterium des Todes gefangen, das er entdecken möchte. Der Tod ist für ihn, den Mann der strengen Wissenschaft, die einzige Macht, die er mit seinem Denken nicht fassen kann. Um so rätselhafter erscheint ihm der Glaube christlicher Sterbender an die Auferstehung der Toten, der allen Naturgesetzen widerspricht. Darum fühlt er sich im Widerspruch zur Lehre seiner Kirche. Doch die Unerkennbarkeit des Todes bewahrt ihn davor, sich den Gegnern des Christentums zuzugesellen. So bleibt er offen für das Gespräch mit denen, die aus dem Glauben leben. „Wenn Ihr Gott nicht finden könnt“, sagt ihm der Prälat, „so kann Er doch Euch finden, Doktor, und ich vertraue, Er wird es auch.“

Jakob Stab, dessen Roman „Die Versuchung des Priesters Anton Berg“ unter Hitler eingestampft wurde, läßt den Arzt seine Reflexionen jeweils an Hand von Gesprächen an Kranken- und Sterbebettenaufzeichnen. Die Entwicklung vom reinen Skeptiker zum „Armen im Geiste“ vollzieht sich aus der Beobachtung am Sterben anderer. Die Handlungen in diesem Roman ergeben die Schicksale der Patienten, von denen einer die Zuspitzung der politischen Katastrophe in Deutschland aus nächster Nähe miterlebt: ein Flugzeugkonstrukteur, der in der „Teufelsschole“ des Dritten Reiches vor die äußersten Entscheidungen des Gewissens gestellt wird.

Stabs radikal durchdachtes Werk hat nicht die heute übliche Form des Romans mit einheitlicher Fabel, sondern greift mit gutem Grund auf eine frühere Form zurück: Notizen einer Zentralfigur mit eingestreuten Novellen, Gleichnissen und Märchen. Die gleiche Form hat Margarete Windthorst für ihre „Aufzeichnungen vor Tau und Tag von Herfterath Henricus Holm“ gewählt. Diese Ähnlichkeit der beiden Bücher ist nicht zufällig. Auch bei Margarete Windthorst, der westfälischen Erzählerin, ist ein Beobachter die Mittelpunktsgestalt der münsterländische Adlige Holm, der sich von seinem freiherrlichen Leben zurückzieht und sich als Schäfer im protestantischen Ravensberger Bauernlande verdingt. In den zwanzig Jahren seiner verborgenen Existenz wächst eine Generation auf dem Bauernhof heran, in deren vielfältige, oft tragische Schicksale er mit der Überlegenheit des weltkundigen Mannes helfend eingreift – bisweilen ganz auf die Weise westfälischer Schäfer; durch Erzählung von Geschichten und Naturmythen. Die besondere, hintersinnige und hellsichtige Menschenart des westfälischen Landes hat in Margarete Windthorst ihren stärksten Epiker seit Immermann und der Droste gefunden. Darum wäre es schade, wenn ein Buch wie dieses, als „Heimatdichtung“ verkannt, den Weg nicht auch außerhalb der Grenzen ihrer engeren Heimat fände. Unsere Buchverlage holen vieles, fast allzuvieles von landschaftlich bestimmter ausländischer Literatur herein; da ist es um so mehr Grund zur Zustimmung, daß der Verlag Wilhelm Raabes und Gustav Frenssens auch an seinem neuen Sitz seine Tradition wiederaufgenommen hat.

Ingeborg Hartmann