An Deutschland zu leiden und es doch nicht entbehren zu können, ist von jeher das Los unserer großen Geister gewesen. Stets war ihnen das Wesen unseres Volkes – ihres eigenen Volkes also – zugleich Quelle des Leids und ihrer Schöpferkraft. Wo sie den Genius zu fassen glaubten, daß er sie segne, da hielten sie den Dämon, der ihnen Unruhe und Selbstzweifel spendete, und wenn das Böse gebannt werden sollte, brach plötzlich das Edle hervor. Es gehört zu unserer Art, rastlos über das beunruhigende Geheimnis Deutschlands nachzudenken, seine Leistungen zu bewundern und ihrer doch nicht froh zu werden. Man braucht nicht einmal ein großer Mann zu sein, um das eigentümlich Großartige und doch Glücklose zu empfinden, das unserem Land eigen ist. Man liebt es wie eine Mutter und flieht vor ihm, wenn es seine unharmonischen Züge zeigt. Es läßt uns zwischen Stolz und Furcht schwanken, Zufriedenheit spendet es keinem, der nachdenkt. Niemand hat Glück mit Deutschland.

Es hätte nicht der letzten zwei Jahrzehnte bedurft, um uns diese Zusammenhänge deutlich zu machen. Denn die Scheidung der Geister, die sich in diesem Zeitraum vollzog, setzte nur einen uralten Konflikt fort, der sich von alters her in unserem nationalen Wesen fühlbar macht, den Konflikt zwischen der Fähigkeit zur äußersten Humanität und der nicht minder deutlichen Fähigkeit zur rohen Gewalt. Aber war es wirklich eine Scheidung der Geister? Nahm nicht jeder, der heimatlos wurde, den Zwiespalt mit sich, ohne ihn je lösen zu können? „Man kann sein Vaterland nicht an seinen Schuhsohlen mitnehmen“, hat Danton von der Emigration seiner Zeit gesagt. Aber was man mitnimmt, ist haftender als die heimische Erde. Die Problematik läßt sich nicht abschütteln, das Leiden an Deutschland kennt keine Grenzen.

Es ist vielleicht gewagt, die Erfahrungen, die der Sohn eines großen Schriftstellers deutscher Zunge mit dem Lande seiner Herkunft gemacht hat, zur Erhellung dieser Verstrickungen heranzuziehen. Denn wenn es schon ein besonderer Umstand ist, Thomas Mann zum Vater zu haben, so geraten die, Lebensgrundlagen erst recht ins Wanken, wenn der Sohn ebenfalls Bücher verfaßt, ja, sein Dasein mit Leidenschaft der Literatur verschreibt. Klaus Mann ist im Jahre 1949 freiwillig aus dem Leben geschieden. Da die Summe seiner Existenz als Buch vorliegt, dem er den Titel „Der Wendepunkt“ gegeben hat, ist es erlaubt, nach den Gründen für diesen Untergang zu fragen. Der Bericht, den er uns hinterläßt, will ein Bekenntnis, eine Beichte sein. Man drängt sich also nicht in private Bereiche, wenn man sich von dieser Beichte ergreifen läßt und da zu antworten versucht, wo der Bekennende in schmerzlichen Fragen befangen bleibt. Jedes Buch führt sein eigenes Leben, der Verfasser hat keine Macht mehr über die Dinge, die er schreibend auf den Weg gebracht hat. Was zwischen beiden Buchdeckeln eingeschlossen ist, gehört dem, der es liest. Das gilt doppelt, wenn der Beichtende qualvoll an der Kette zerrt, die ihn an Deutschland bindet. Wo ein Deutscher an seinem Lande zerbricht, da sind wir-alle aufgerufen, uns zu prüfen, in unser Inneres zu tauchen und nach dem Maß unserer Mitschuld zu fragen. Denn wir können nicht an dem Guten, das unsere Zugehörigkeit zu Deutschland uns spendet, Teilnehmen, ohne uns zu dem Dunklen zu bekennen. Das deutsche Wesen ist unteilbar.

Einen kurzen Augenblick freilich – er dauerte gar zu lange – schien es teilbar zu sein. Das war in den Jahren, als Klaus Mann zu ehem. Sprecher der deutschen Emigration wurde. Schlagender, als er es gekonnt hätte; faßte sein Vater die Situation zusammen: „Hitler hatte den großen Vorzug, eine Vereinfachung der Gefühle zu bewirken, das keinen Augenblick zweifelnde Nein, den klaren und tödlichen Haß. Die Jahre des Kampfes gegen ihn waren moralisch gute Jahre.“ Das ist deutlich, es zeigt, in welchem Maße der Kampf gegen die Tyrannei die persönlichen Lebenskonflikte des einzelnen hinauszuschieben vermochte. Was aber, als dieser Kampf gewonnen war? Eine böse Gewalt hatte sich der Welt bemächtigt. Sie durfte nicht Herr über das souveräne Leben des einzelnen werden. Daraus ergab sich die Forderung an jeden, selber diese Herrschaft auszuüben und sie zum guten Ende zu führen. Klaus Mann hat dies gewußt, und seine Verzweiflung mag da zum tödlichen Ausgang geführt haben, wo er sah, daß der Wendepunkt, nämlich der Sturz der Gewaltherrschaft, ihm die Verfügung über das Leben zurückgab, mit dem er nichts mehr zu beginnen wußte. Die „moralisch guten Jahre“ waren zu Ende. Wer gekämpft hatte, war nun seinem eigenen Gesetz ausgeliefert. Die Politik, die den Lebensmaßstab geliefert hatte, war zu Ende. Die Sittlichkeit, die nur im eigenen Inneren gefunden werden kann, erhob ihre heischende Stimme. Die Form der Bewährung war eine andere geworden. Über den Dreiundvierzigjährigen kamen wieder die alten Gespenster und Dämonen, die der politische Kampf zurückgedrängt hatte. Der Todeswunsch hatte wieder volle Gewalt.

Die Beichte des unglücklichen Mannes ist aus dem Entschluß entstanden: „Ich will nicht mehr lügen. Ich will nicht mehr spielen. Ich will bekennen.“ Es hat indessen mit Bekenntnissen eine seltsame Bewandtnis. Warum ist die Konfession des hl. Augustinus eine sittliche Tat ohnegleichen, und warum fehlt dem gleichen Unternehmen Rousseaus die läuternde Kraft? Nicht, weil dieser mehr vor der Öffentlichkeit ausbreitet als jener. Auch Augustinus würde, wenn er in der Neuzeit gelebt hätte, aus der Verfeinerung der psychologischen Instrumente Nutzen gezogen und mehr gesagt haben. Aber er hätte der Sühne ihre volle Realität belassen und sie nicht zum Färbemittel „sublimiert“. Rousseau fühlte sein Leben stärker im Gedanken an seine Irrungen als inder Tat des Bekennens, während bei Augustinus die Flamme stärker brennt, indem sie reiner wird. Die Beichte, die mit absterbender Daseinskraft Hand in Hand geht, verweigert dem Sünder die letzte Entlastung. Klaus Mann wird vom wachsenden Todesverlangen an den Rand der Wahrheit gedrängt. Aber die Wahrheit ist kein Abgrund. Er beschreibt sich selbst als einen Menschen, „dessen primäre Interessen in der ästhetisch-religiös-erotischen Sphäre liegen, der aber unter dem Druck der Verhältnisse zu einer politisch verantwortungsbewußten, sogar kämpferischen Position gelangt“. Was ist das für eine Sphäre, von der er spricht? Ästhetisch, religiöserotisch? Ça, c’est bien allemand, par exemple!, würde sein Vater eine seiner Figuren ausrufen lassen.

Daß hier einer einen echten Kampf gekämpft hat, wer wollte es leugnen! Alle diese Anläufe, die deutsche Problematik abzuschütteln, „mit Deutschland endgültig Schluß zu machen“, ein amerikanischer Schriftsteller zu werden, nur noch der Welt als einem Ganzen zu gehören, alles das ist von vielen Verzweifelten vorher versucht worden. Aber die Kette hielt. Meist war sie als Kette fühlbar, oft auch als sanftes Band. Seine Geschichte sollte die eines Deutschen sein, „der zum Europäer, eines Europäers, der zum Weltbürger werden wollte“. Dieses „wollte“ ist herzzerreißend, denn es deutet auf die Not jedes Deutschen, der – eben als Deutscher – zum Weltbürgertum berufen ist und doch immer wieder in seine nationale Problematik wie in einen Brunnenschacht zurückfällt. Klaus Mann hat um Humanität gerungen und uns vorgeworfen, wir seien ihrer nicht fähig. Aber dies Ringen war eng verschlungen mit eifriger Pflege dessen, was mit Humanität nicht vereinbar ist, nämlich der Anarchie, der Selbstzerstörung und vor allem des Todes. Clemenceau hat einmal in seinem Zorn den Deutschen dahin definiert, daß er das Leben nicht liebe. Wenn an seinem Wort auch nur ein – Fünkchen Wahrheit ist, dann ist Klaus Mann, unendlich deutsch gewesen. Während er auf seine Einberufung zur amerikanischen Armee wartete, schrieb er in sein Tagebuch: „Ich wünsche mir den Tod. Der Tod wäre mir sehr erwünscht. Ich möchte gerne sterben. Das Leben ist mir unangenehm. Ich mag nicht mehr leben, Es wäre mir äußerst lieb, nicht mehr leben zu müssen. Der Tod wäre mir entschieden angenehm ...“ Genug, es ist gar zu qualvoll!

Und doch schien es ein so leichtes Leben zu sein Dem hochbegabten Jüngling, von dem man freilich nicht mit Entschiedenheit sagen konnte, zu was er nun eigentlich begabt war, standen von Anfang an alle Türen offen. Er kannte jeden Menschen, den er kennen wollte, er reiste, wohin es ihm beliebte, er verschaffte sich mühelos jeden guten und schlechten Genuß, er pflückte jede Frucht, und wenn sie zu hoch hing, stand immer einer bereit, ihm den Zweig herunterzubiegen. Seine Sphäre war die Prominenz, „guter, alter Stefan Zweig“, Max Reinhardt, „wie begabt, was für ein netter Mensch“, Sinclair Lewis, Einstein, Greta Garbo, Cocteau, André Gide, dieser ganze Zug von großen Zeitgenossen war sein selbstverständlicher Umgang. Der Name des Vaters war das Zauberwort, das ihm allenthalben den leichtesten Eingang verschaffte. Und er schrieb, er schrieb „mit großer Leichtigkeit“, die Arbeit „ging ihm flink von der Hand“. Theaterstücke, Romane, Aufsätze, Essays entstanden ohne Mühe, ohne freilich je ein originales Gesicht zu gewinnen, und fanden sofort die besten Verleger. Aber die wahren Freunde gingen ihm voran. „Ich habe mehr Freunde“, so schreibt er, „durch Selbstmord verloren (womit hier auch die indirekten Formen der Selbstzerstörung gemeint sein mögen) als durch Krankheit, Verbrechen oder Unglücksfälle.“ Daran und an den Anstößigkeiten seiner Lebensführung, von denen er aufrichtig und sehr ausführlich erzählt, war „die überalterte Pseudomoral“ schuld. „Trieben wir es besonders liederlich und zügellos?“, fragt er sich und antwortet: „Wir konnten nicht von einer sittlichen Norm abweichen: es gab keine solche Norm.“ Mein Gott, wie infernalisch und wie bequem! Und doch strebte er zu dieser Norm zurück; denn welchen Sinn hätte sonst der verzweifelte Entschluß gehabt, eine Beichte seines Lebens abzulegen! Es gibt keine Beichte ins Leere, sie erfolgt immer vor einer Instanz.