Von Wilhelm Flitner

Man kennt Fröbel bei uns als den Begründer des Kindergartens, man spricht von Fröbelseminaren und „Fröblerinnen“. An diesen Bildungsstätten hängt auch sein Bild mit dem gütigen Blick einer romantisch-phantasiereichen Natur. Er träumte davon, daß das ganze deutsche Vaterland ein großer Garten werden sollte, in dem die Kinder zu ihrem vollen Recht kommen und so volle Bürger werden sollen wie die Erwachsenen, für deren politische Freiheit sich Fröbel ebenso leidenschaftlich eingesetzt hat wie für das Reich der Kinder. Fröbel wollte durch eine Bewegung unter den Eltern erreichen, daß die Einstellung zum Kinde sich radikal ändere.

Wer das Verhalten unserer Eltern zu ihren Kindern in den verschiedenen Volksschichten und Landesteilen Deutschlands heute beobachtet, wird finden, daß Fröbels Streben leider noch immer aktuell ist. Daß sein Kind „züchtigen“ müsse, wer es lieb hat, ist auch heute noch vorherrschende Meinung bei uns – sehr im Unterschied zu den Gepflogenheiten in Skandinavien und in Nordamerika und zu dem heiteren Verhältnis, das die romanischen Völker zu ihren Kindern haben. Fröbel hat nachgewiesen, daß Kinder moralisch besser gedeihen, wenn man nicht von klein auf an ihnen herumräsoniert und moralisiert. Er ist der Entdecker des schaffenden Kindes geworden. Der Baukasten ist seine Erfindung. Die Bedeutung der Musen für die keimende Seele hat er tief empfunden. „Mutter- und Koselieder“, Spielgaben für die Kleinsten hat er entwickelt, für die praktische Ausbreitung dieser Spielsachen gesorgt, den Sinn für den erziehenden Wert der Kinderspiele entfaltet. Den Grundgedanken Rousseaus von dem Eigenwert der kindlichen Lebensstufen hat er erst praktisch verwertet. Seinen Meister Pestalozzi hat er wesentlich ergänzt: der hatte sich von den Armen aus orientiert, vor allem die Einflüsse der gesellschaftlichen Umgebung auf die Kinder studiert, intellektuelle Unterrichtsmethoden entwickelt. Fröbel, der ihm in Iferten zusah, hat die Einseitigkeit Pestalozzis gesehen und die Methoden hinzuentwickelt, die in Pestalozzis Erziehungsanstalten noch fehlten. Seine Einfühlung in das Kleinkind ist erstaunlich. Seine Vorschläge für die „Vermittlungsschule“, ein Zwischenglied zwischen dem Kindergarten und der eigentlichen Schule (die bei uns zu früh beginnt), sind bis heute in Deutschland noch nicht ausgeführt. England dagegen hat durch seine hervorragenden Infant schools diese Übergangsform geschaffen und Fröbels Idee getroffen. Gefolgt ist man ihm auch in den Vereinigten Staaten, wohin Fröbel mit einer Gruppe „erziehender Familien“ auswandern wollte, und wo sich viele seiner ersten Anhänger niederließen. So ist er als Volkserzieher, nicht nur als Kindergärtner, in Amerika bekannter als in Deutschland und Europa. Die Schriften Fröbels sind nur zum Teil zugänglich (gerade eben hat Erika Hoffmann für die von Wilhelm Flitner herausgegebene Reihe „Pädagogische Texte“ im Verlag. Helmut Küpper, vorm. Georg Bondi, Godesberg, zwei Bände „Ausgewählte Schriften“ ediert. Anm. d. Red.). Es sind in ihnen viele Hauptgedanken Goethes und Schellings enthalten, aber die mystische Betrachtung der Welt und ein abstrakter Stil machen sie für heutige Leser schwierig. Wer sich um das Verständnis Fröbels müht, findet einen tiefsinnigen Denker, der in die Linie der großen Mystiker gehört. Dennoch würde uns eine volkstümliche Biographie (die es leider bis heute noch nicht gibt) einen liebenswerten, beinahe kindlichen Menschen der Biedermeierzeit schildern müssen, einen mystisch Frommen, philosophisch Schauenden, einen Träumer und Wanderer, der gleichwohl im tätigen Leben stand: Kriegsfreiwilliger von 1813 in der Lützower Freischar, Hauslehrer, Gründer des Landerziehungsheimes Keilhau in Thüringen, von pädagogischen Anstalten in der Schweiz, Mittelpunkt eines großen familiären und freundschaftlichen Kreises, der über die ganze Welt wirkte.