Von Norbert Jacques

Gruselgeschichten pflegen mit dem Satz zu beginnen: „Die Witwe eines Kapitäns in Bombay ...“ Nie beginnt eine: „Die Witwe eines Weinhändlers in Bischofszell ...“ oder: „Die Witwe eines Bahninspektors in Quedlinburg ...“ Und so spielt auch nie eine Mädchenhändlergeschichte in einem europäischen Milieu, sondern stets in irgendeiner der allgemeinen Kontrolle entzogenen Hafenstadt, mit Vorliebe Südamerikas.

Was für eine Einrichtung ist nun dieser Mädchenhandel und das moralsumpfige Lasterland; in dem er gedeiht? Dieser Mädchenhandel, an dem sich die europäische Phantasie mit so ausdauerndem Verlangen speist, den die Polizei, obgleich sie ihn mit Vorliebe als nicht existent erklärt, von einem eigenen Dezernat betreuen läßt? Ist der Mädchenhandel in Deutschland nur eine Möglichkeit, einem verdienten Beamten ein eigenes Dezernat zu geben, einen Posten, auf dem er ruhig schlafen kann?

Der gesunde Menschenverstand läßt einen nicht im Zweifel darüber, wie unmöglich es heute ist und seit langem war, ein Mädchen von Zürich oder selbst von Hamburg oder Antwerpen aus in ein lustiges Haus nach Rio de Janeiro zu verfrachten, wenn es nicht selbst in dies Abenteuer hinein will. Der Film weiß freilich anderes über den „Export in Blond“ zu erzählen. Der Film muß ja – will er Kasse machen – unmittelbar auf die Einbildungskraft wirken. Und so gibt es in Europa den Begriff Mädchenhandel, der packende Vorstellungen von exotischen Hafenstädten erweckt, in denen das Laster orchideenhaft in den Nächten blüht, magisch schillernd, wie grelle Riesenschmetterlinge im schattenfinstern Urwald, vielnamig sündhaft, voll süß giftender Untiefen. So bin auch ich einmal dem Mädchenhandel nachgegangen. Und zwar auf eine weniger gemütliche Weise als in Deutschland ein Kriminalkommissar.

Auf meiner ersten nächtlichen Streife aufs Geratewohl im Hafen von Buenos Aires kam ich fast absichtslos in ein Haus, das sich den Schein gab, jene Vorstellungswelt zu erfüllen. Und zwar war es jenseits des Wasserarms auf der Isla do Maciel. Ein Gebäude mit fensterlosen, weiß getünchten Wänden. Vorm Eingang grell eine Bogenlampe. Am Flachdach prangte ein riesiges Schild: „Nur für Männer.“ An einer trübselig beleuchteten Landestelle wartete eine Barke und brachte einen über den schwarzen Wasserarm hinüber; durch finsteres Räuberland, meinte man. Doch was einen am anderen Ufer in Empfang nahm, waren keineswegs Räuber, sondern Gendarmen der argentinischen Republik. Ohne Federlesens griffen sie einem die Taschen ab: „Keine Waffen?“

Dann ließen sie mich laufen, und ich ging längs eines in den Sand gelegten Schienenstrangs zwischen allerlei Hafengerümpel hindurch. Berittene Konstabler patrouillierten den kaum 200 Schritte langen Weg auf und ab, als sei man in die Bannmeile der Hölle geraten und als sei der Polizeidirektor von Buenos Aires um unsere Sicherheit besonders besorgt. Schließlich trat ich in das bewußte Gebäude und befand mich gleich, wie auf einen Blocksberg geschoben, in einem Hexensabbat von Menschen, die den großen Patio des spanisch gebauten Hauses anfüllten. Der Raum war wie ein Kino verdunkelt. Halbnackte Mädchen durchrudelten das Treiben, aus dem Schreie, Alkoholgerüche und grelle Parfümstrudel aufstiegen. Auf der Galerie öffnete sich ab und zu eine Tür, und dann schoß ein schrilles Lichtbündel vor, in dem sich wie ein Gestrudel von opalenenNebeln der Tabakrauch sichtbar machte.

Aber schon war ich von zwei Armen aus der Dunkelheit an einen Tisch gezogen, auf dem Gläschen mit raupengrünem, paprikarotem und zyankaliblauem Likör schimmerten. Sobald ich mich an das Halbdunkel gewöhnt hatte, schien es mir, daß das zu den Armen gehörende Mädchen durchaus nicht aus Buenos oder Umgebung sei, sondern aus dem Teutoburger Wald oder dem Allgäu, und ich bekam den naiven Einfall: ‚Sie ist das Opfer eines Mädchenhändlers, der sie in Kempten oder Gütersloh beschwatzt hat!‘ Ich fragte: „Sie sind augenscheinlich keine Hiesige?“ – „Ich bin Ungarin!“ antwortete sie und trank das paprikarote Gläschen leer. Wegen des diesem Volke anhaftenden Rufs, es sei auf eine hervorragende Weise mit Temperament bedacht, wird Ungarn gern, zu gern von mancher Persönlichkeit zu einer Pseudonym-Heimat gemacht. Ich bemerkte harmlos: „Ich dachte, aus Ravensburg oder Schweinfurt.“