Von Rudolf Borchardt

Im Nachtprogramm des NWDR wurde kürzlich mitgeteilt, daß sich Rudolf Alexander Schröder, Ernst Robert Curtius und andere zu einer „Gesellschaft der Freunde Rudolf Borchardts“ zusammengefunden haben, die den umfangreichen und wichtigen Nachlaß, dieses universell gebildeten, formstrengen, leidenschaftlich kritischen und sprachmächtigen Schriftstellers sichten und herausgeben soll. Äußerer Anlaß zur Gründung war ein Datum: Borchardt; der 1945 starb, wäre jetzt fünfundsiebzig Jahre alt geworden. Aber wesentlicher ist, daß sich eigentlich erst jetzt zeigt, welch eminente Kraft dem deutschen Geistesleben entzogen wurde, als man dem Manne das Publizieren verwehrte, der mit Bedacht einen seiner Essaybände „Handlungen“ genannt hatte. Kaum ein deutscher Prosaiker dieser Jahrzehnte hat soviel explosive Spannungen zum Austrag gebracht.

Ein biographisches Fragment, das uns Frau Marie-Luise Borchardt aus dem Nachlaß zur Verfügung stellte, läßt erkennen, wo der Ursprung solcher Spannungen war.

Ich habe keine Heimatstadt gehabt und gekannt und erst spät erfahren, daß ich ein Heimatland habe; daß ich ein Vaterland habe, erst an mir selber in reifen, bitteren Stunden. So habe ich auch in den entscheidenden Jugendjahren kein Elternhaus und keine Familie gehabt, und es wäre ein müßiges Zugeständnis an das Schema der Autobiographie, wenn ich von Land, Provinz, Stamm und Stadt, Vätern und Eltern ausginge. Meine Erinnerung enthält für meine ersten Jahre keinerlei Bilder. Was mir erzählt worden ist, hat auf meine Entwicklung keinen Einfluß geübt, Königsberg, von woher der Geburtsschein mich schreibt, habe ich nie gesehen und gekannt als in drei schlummernden Säuglingswochen.

Auf einer Reise der mich erwartenden Mutter in die Heimat bin ich geboren, dann schleunigst in die Fremde, nach Moskau, wo der Vater ein Königsberger Handelshaus vertrat, verbracht und nach wenigen Jahren mit der ganzen, Rußland verlassenden Familie nach Berlin geführt worden. Nichts als schimmernde Schatten davon sind je in mir geblieben: daß wir russisch und französisch sprachen und wenig deutsch, daß ich durch Deutschlernen Russisch ganz und Französisch halb verlor. Daß fast nur wechselnde und bezahlte Menschen uns umgaben und sich mit uns befaßten, ein wehmütiges Ammengesicht, eine Straße, ein fremder Kopf. Die Erwachsenen lebten ihr eigenes, für uns und mich unzugängliches Leben, aus dem heraus ihr gelegentliches Greifen nach uns wie ein Ausflug aus ihrer Realzeit wirkte.

In Berlin beherbergte uns bald ein unübersehbares Stockwerk eines der düsteren und öde pomphaften Häuser, wie sie die Bautätigkeit nach dem Kriege von 1871 zwischen die Charlottenburger Chaussee – und die Spree in den neuen Nordwesten der Prunkanlagen um die Siegessäule vorgeschoben hatte. Es war ein finsteres, häßliches graues Riesengebäude, dessen mächtige Tore ich als Kind mit beiden angestemmten Armen auf- und zuzustoßen mich bei jedem Spaziergang ärgerlich bemühte. Beim ersten Betreten des Saales stürzte ich hin: ich hatte, zum ersten Male im Leben Parkett betreten Es ist mir in Erinnerung geblieben und hat sich mir immer mit dem Hause verknüpft, nicht eben als ein freundliches Omen.

Die Räume brachen im rechten. Winkel; der kleinere, nach vorne gelegene Schenkel entstand aus dem gewaltigen Speisezimmer, zu einer Reihe von Gesellschaftsräumen, in die wir nur, wenn wir aufgefordert wurden, den Fuß setzten. Der lange Hinterschenkel, ein finsterer Korridorschlauch, auch bei Tage künstlich erhellt, führte Tür nach Tür in die vielen Schlaf- und Schulzimmer, aus deren Hoffenstern wir auf den riesengroßen, widerlichen, kleingepflasterten Hofplatz mit seinen grauen Staffage-Figuren, Pförtnersleuten und ihren Kindern, Mansardenmietern und ihren Besuchern, Boten und Dienern hinunterstarrten. Selten lag über dem viereckigen Gefängnis der Hausmauern das Firmament bläulich. Bleiern, ohne auch nur Wolkenfarbe, sehe ich die Kappe der Luft es überwölben.