Hitlers Wundermann erzählt noch immer Märchen

Otto Skorzeny, Mussolini-Befreier, Horthy-Entführer und ehemaliger Chef gewisser deutscher „Kommandotruppen“, lebt heute in Madrid. Kein Mensch hat etwas dagegen. Aber auch dem Chefredakteur Charles Foley der Londoner konservativen Zeitung Daily Express kann niemand es übelnehmen, daß er stolz war auf sein „Interview mit Otto Skorzeny, dem gefährlichsten Abenteurer Europas“. Viele Zeitungen in aller Welt druckten das ausführliche Gespräch in Fortsetzungen nach, und eine deutsche Wochenzeitung überschrieb die erste Folge: „Gebt mir tausend Mann!“ Im Text folgte dann die logische Fortsetzung dieser Überschrift: „... und ihr werdet im nächsten Krieg euer blaues Wunder erleben. Kein Staatsmann, kein Heerführer wird mehr sicher sein, wenn Skorzeny und seine tausend Marin ans Werk gehen.“

Es heißt, daß der Ingenieur Steinbauer, alias Skorzeny, in Madrid eine deutsche Firma vertritt. Es ist schließlich deren Sache, ob sie einen Ingenieur oder einen Abenteurer beschäftigt, der seine unvergleichlichen Fähigkeiten schon für den nächsten Krieg anpreist. Uns scheint es aber ein Gebot des Taktes zu sein, daß diejenigen, die das Fegefeuer der Nürnberger Siegergerichte und der Entnazifizierung ungeschoren ließ, sich heute ein wenig zurückhalten und vor allem sich nicht mit Heldentaten rühmen sollten, die sie nie vollbrachten.

Da findet sich im Daily Express-Interview zum Beispiel folgendes Glanzstück in der langen Reihe der ruhmreichen Taten des Wundermannes: Im Juni 1944, als die Front im Mittelabschnitt der Ostfront zusammengebrochen war, erfuhr die deutsche Abwehr durch Agenten, daß sich in den Wäldern um Minsk noch eine deutsche Kampfgruppe von einigen hundert Mann aufhalte, die mit letzter Kraft einen Ausweg nach Westen suche. Das war eine Aufgabe für Skorzeny. Die „verlorene Armee“ (warum nicht von einer „Armee“ sprechen, auch wenn es nur einige hundert Mann waren?) herauszuführen, mußte in diesem Stadium des Krieges einen propagandistischen Erfolg bedeuten, der einer gewonnenen Schlacht gleichkam. Am 29. August 1944 ließ Skorzeny vom Flugplatz Wormditt in Ostpreußen die ersten zwei Funktrupps – zusammengesetzt aus je drei Deutsch-Balten und je drei russischen Freiwilligen – starten. Bild meldeten sie, die „Kampfgruppe Scherhorn“ gefunden zu haben. Sofort stampfte Skorzeny eine der großzügigsten „Luftbrücken“ des Zweiten Weltkrieges aus dem Boden. Die Funker meldeten, daß die Gefundenen ohne Verpflegung und Munition, krank und erschöpft seien. Aus Wormditt schickte man einen Arzt, Medikamente, Lebensmittel, Waffen. Man schickte Flugplatzbauer und alles nötige Gerät für einen Feldflugplatz, von dem aus die „verlorene Armee“ in die Freiheit geführt werden sollte. Aber die der Flugplatz fertig war, ging Ostpreußen verloren. Die Nachschubbasis mußte, nach Tutow in Pommern zurück verlegt werden. Der Standort der „Kampfgruppe Scherhorn“ wurde – so hieß es – inzwischen von den Russen entdeckt. Die „Verlorene Armee“ mußte den „fast fertigen Flugplatz“ aufgeben und sich, in drei Marschsäulen aufgeteilt, weiter nach Norden durchschlagen. Darüber wurde es Winter. Im Wesen ging auch Pommern verloren, und die Nachschubbasis etablierte sich in Großenbrode in Holstein. Nun sollten die tapferen Männer vom Eis eines Sees in Polen geholt werden. Aber wieder gab es Störungen und Verzögerungen. Der Luftwaffe fehlte das Benzin für die große Aktion. Zehn Monate lang bis zum letzten Tage des Krieges blieb die „Kampfgruppe“ mit Skorzenys Hauptquartier in Funkverbindung. Zehn Monate lang versorgte Skorzeny seine Schützlinge mit rar gewordenem Material und von Zeit zu Zeit mit noch rarer gewordenen Spezialisten. „Ich bin froh“, erzählt der Ex-Sturmbannführer heute dem Chefredakteur des Daily Express „daß wir – ehe es zu spät war – noch das Ritterkreuz für Oberst Scherhorn abgeworfen haben.“

Im Sommer 1949 kehrte Oberst Scherhorn aus russischer Gefangenschaft zurück. Ein stiller Mann, der froh war, in Niedersachsen eine bürgerliche Existenz zu finden, und der, im Gegensatz zum lorbeerumrankten Helden Skorzeny, das Vergangene ruhen lassen wollte. Nur seinen besten Freunden erzählte er, was sich wirklich zugetragen hat: Beim Zusammenbruch der Mittelfront war Scherhorn verwundet in Gefangenschaft geraten. Die Sowjets brachten ibn nach Moskau ins Lubljanka-Gefängnis. Dort ließen sie ihn Erfahrungsberichte über die Partisanenbekämpfung schreiben. Und eines Tages holten sie ihn heraus, setzten ihn in ein Auto und fuhren mit ihm tagelang in westlicher Richtung. Im Dorf Sloboda, irgendwo bei Borissov, führten sie ihn in eine Hütte. GPU-Offiziere waren dort und Antifa-Leute in deutschen Uniformen. Und da begann die Tragikomödie. Mit entsicherten Maschinenpistolen standen seine sowjetischen Wächter hinter Vorhängen aus Bettdecken, als ein junger SS-Offizier in russischer Uniform sich bei ihm als deutscher Funker vorstellte. Skorzeny hatte ihn gesandt.

Niemals hat es eine „verlorene Armee“ gegeben! Niemals waren mehr als ein paar Russen und Antifa-Leute um Scherhorn, die Begeisterung spielten, wenn die großen deutschen Maschine! nachts mit Nachschubmaterial im Tiefflug die durch Feuer markierten Abwurfplätze überflogen. Ein Meisterstück in der Geschichte der „unsichtbaren Fronten“. Aber es war kein Ruhmesblatt für Skorzeny, sondern höchstens für den sowjetischen Geheimdienst.

Nun, man brauchte sich nicht weiter darüber auszulassen, glaubte Otto Skorzeny heute wirklich noch daran, einer verlorenen Armee bis zur letzten Minute die Treue der Heimat bewiesen zu haben. Leider ist es nicht so. Kurz nach Scherhorns Heimkehr Skorzeny hielt sich damals noch in Deutschland versteckt, obgleich die Zeitungen von Argentinien oder Nordamerika munkelten – haben ihm zwei seiner ehemalige! Offiziere über die tatsächlichen Zusammenhang; berichtet. Das waren, übrigens nicht irgendwelche Offiziere. Der eine von ihnen hatte zehn Monat; lang als Verantwortlicher den Nachschub für die Geisterarmee geleitet.

Was aber soll man von einem Mann halten, der, statt zu schweigen, seine Fähigkeiten für den nächsten Krieg anbietet und nicht einmal den Mut hat, einzugestehen, daß er – der groß; Bluffer – zumindest einmal selbst geblufft wurde? Erik Verg