Am 18. Juni feiert Igor Strawinsky seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß widmet der Verlag Boosey & Hawkes, Bonn, dem großen Meister und vielleicht stärksten Anreger der modernen Musik ein Heft der Schriftenreihe „Musik der Zeit“ mit Beiträgen von W. H. Auden, Jean Cocteau, Alfred Cortot, Werner Egk, Gottfried von Einem, Will Grohmann, Juan-Francesco Malipiero, Igor Markevitch, Hans Mersmann, H. H. Stuckenschmidt um E. W. White. Wir entnehmen diesem Huldigungsheft die folgenden Bekenntnisse Cocteaus, der dem Komponisten seit vielen Jahren als Mitarbeiter und Freund verbunden ist.

Das wenige, was ich weiß, verdanke ich Strawinsky und Picasso. Sie wurden nicht meine Meister, aber das beste Beispiel, die Fehler meiner Jugend abzulegen. Bevor ich ihnen begegnete, begriff ich kaum etwas, von meinem Beruf, von meiner Berufung.

Man muß meine Angriffe im „Coq et l’arlequin“ gegen „Le Sacre“ auf das Konto der Liebe setzen, auf das Konto des Ausbruchs eigener Personwerdung gegenüber dem Einbruch einer anderen Person, gegenüber einem Einbruch, den die Jugend für eine Krankheit hält, gegen die sich ihre Instinktkräfte aufbäumen, und die sie ganz naiv zu besiegen sucht.

Wiedergefunden habe ich mich mit Strawinsky in umgekehrter Richtung: als er sich latinisierte und ich mich entlatinisierte (um irgend ins Weite zu gelangen).

Aus dieser Begegnung erwuchs „Oedipus Rex“. Ich wohnte damals in Villefranche, Strawinsky und seine Familie in Montboron bei Nizza. Igor hatte sich latinisiert bis zu dem Wunsch, dem griechischen Drama eine lateinische Version zu geben. Der Abbé Daniélou kam mir dabei zu Hilfe; ich war nämlich immer ein schlechter Lateiner. Strawinsky nahm sich vor, eine Musik zu schreiben, „gelockt wie der Bart des Zeus“. Sie kennen dieses Werk, dessen musikalische Locken pures Gold sind. – Abends fand ich Strawinsky in Montboron, zu Fuß pilgerte ich dann bis Villefranche zurück.. Im Februar darauf unternahmen wir eine Reise in die Berge. Unser Fahrer sprach in Orakeln. Wir nannten ihn Tiresias. Sie sehen, diese Zusammenarbeit stellt sich mir als eine Freundschaft dar, die ganz aus dem Werk erstand, ähnlich der Freundschaft zwischen Strawinsky und Ramuz.

Zur Zeit des „Petruschka“ schien mir das russische Ballett noch ein prächtiges Feuerwerk (jeu d’artifice). Gerade den „Petruschka“ hielt ich für eine Art Laboratorien- und Studienstück. Ich brachte Picasso hin, und wir machten „Parade“. „Le Sacre“ und „Parade“ wurden damals oft zusammen aufgeführt. Das eine entwurzelte Bäume, denen stoßweise der Saft entstieg, das andere symbolisierte das Wahrste des Wahren, jenen sur-realen Realismus, der meine Methode, mein Evangelium wurde.

Voilà les raisons de l’amour que je porte à Strawinsky et a. Picasso.