Experimente des Zeichners Laverrerie

Die Tiere mit menschlichen Eigenschaften auszustatten, das ist die Art der Märchen gewesen. Der französische Zeichner Raimond de Laverrerie aber macht es umgekehrt: er sieht das Tier im Menschen. Das klingt böse und ist doch nett gemeint. Denn da er die Tiere und die Manschen gleichermaßen liebt, stattet er die Ähnlichkeit, die er zwischen beiden Wesen entdeckt, mit sympathischen Zügen aus. „Wie lustig“, rief einer, als er diese Zeichnungen sah; Ein anderersagte: „Wie wahr, wie wahr!“

Es ist nur ein harmloses Spiel, doch hates tiefere Bedeutung. Denn wer mit Raimond de Laverrerie dies spiel einmal betrieben hat, fängt an, die Lebewesen mit anderen Augen anzusehen. Daß beispielsweise Onkel François – irgendein Onkel Franz – einen Vogel hat, wußte man freilich schon lange. Aber daß sie solche Ähnlichkeit von einander angenommen haben! Wer nahm von wem? Und der Herr vom Auskunftsschalter der Bundesbahn, der uns so klug darin berät, wann wir wo umsteigen müssen – woher hat er seine Geduld? Vom Schaf. Und Fritz, der Nachbarsjunge, der ebenso aufmerksam wie lärmend ist ... jetzt sehen wir, daß er einem Terrier gleicht. Ihm fehlt nur, daß er kläffen könnte. Und was die Terriers angeht –: sie müßten Sommersprossen haben wie Nachbars Fritz; sie müßten, wie er in der Menschenwelt, in der Tierwelt Kontorlehrling sein. Damit hat Raimond de Laverrerie gewiß so recht wie Morgenstern mit seinem Wort, die Möven müßten alle Emma heißen. Dieser Zeichner ist ein guter Mensch. Er zeichnet einen Fall von Schweineähnlichkeit und macht beiden sein Kompliment: dem Menschen und dem Schweine, Er sieht einen gewiß sehr ordentlichen, freundlichen jungen Mann, und ein sauberer Kater schnurrt zurück. Und wer einen Vorgesetzten hat, dem der Kamm schwillt, wenn eine Kleinigkeit ihn erregt, der lächelt nur und Sagefrei nach Nietzsche: Es ist ein Hahn in ihm verborgen, und der will krähen! Doch eins ist gefährlich bei solchem Spiel, die Menschen mit den Augen de Laverreries zu sehen: Treibt man’s zu toll, so findet man zuletzt nur Menschen, welche Tieren und nur Tiere, welche Menschen gleichen. Und wie leicht, daß man an eine Katze glaubt und dann zu spät entdeckt, sie ist eine Tigerin.

Mtr.