Soll man sich in der Wirtschafts- und Währungspolitik etwa allen Ernstes (und ruhigen Gewissens) auf den Automatismus technisch ausgeklügelter Indexbindungen verlassen? Diese skeptische Frage ließ viele Zuhörer nicht los, als kürzlich in Heidelberg-Ziegelhausen auf einer Arbeitstagung der „Gesellschaft für wirtschaftswissenschaftliche und soziologische Forschung“ (hervorgegangen aus der wissenschaftlichen Kommission des Freiwirtschaftsbundes) über „Kaufkraftsicherung von Löhnen, Ersparnissen, Kapitalbildung und Währung“ referiert und diskutiert wurde. Solche – auch noch so „vollencet ausgeknobelte“ – Methoden seien „kein Allheilmittel“, meinte kritisch Dr. Kurt Hunscha, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Rhein-Main-Bank. Beifall ...

Nach der Begrüßung der Gäste aus Industrie, Versicherungen, Banken, Sparkassen, Verbänden durch Prof Paul Diehl, München-Gräfelfing („Die BdL sieht die Behandlnug dieser Fragen in aller Öffentlichkeit nicht gern, weil sie befürchtet, daß das Vertrauen in die D-Mark darunter eide“), gab Großrat Fritz Schwarz, Bern, einen bei der Bibel beginnenden Überblick über „Versuche zur Kaufkraftstabilisierung in der Geschichte“. Zitierte einen Papsterlaß von 1301: „Wir schließen aus der Kirche alle aus, die das Geld untätig bei sich liegen lassen.“ Nannte die Rentenmark „einen Stoß in die Kniekehlen der Goldwährungsgläubigen“; attestierte der DM, ein „ähnliches Wunder“ vollbracht zu haben; erinnerte an Roosevelts Regierungsziel, „die Kaufkraft für eine Generation unverändert zu halten“.

Thesen des Schweizer Bundesrates (1940): „Der feste Preisstand ist dem festen Wechselkurs vorzuziehen; Ziel der Währungspolitik des Staates muß die bleibende Kaufkraft sein; Deflation ist zu vermeiden.“ Praxis: „1947 praktische Kaufkraftstabilisierung durch Goldabgabe, Preisrückgang, da Steigerung des Notenumlaufes gestoppt, bis 1949 zu weit gegangen auf diesem Weg“, beinahe Krise, dann Korea als Retter.“ Wohl als Rezept aufzufassen: „Wir sehen keinen .Großen’ in der Geschichte (Alexander, Konstantin, Karl, Friedrich), der nicht in eine Zeit des Geldauftriebs hineingeboren wurde oder diesen selbst herbeigeführt hat.“

Dr. Ernst Winkler (München-Gräfelfing), von der gleichen „Fakultät“, erläuterte die „Problematik der Indexzahlen“ als der „von Menschen geschaffenen Ziffern mit dem Ziel, Größen miteinander zu vergleichen, die an sich nicht vergleichbar sind“. Er verwies darauf, daß Irving Fisher 44 verschiedene Formeln (als wichtigste der möglichen) zusammengestellt habe; daß es keinen „idealen Index“ gebe, das Problem „theoretisch unlösbar“, die Praxis bei der Indexwährung jedoch einfach sei, vergleichbar dem „automatischen Ausgleich der Bewegungen eines Radfahrers in einer Linkskurve“. Quintessenz seiner Exkursion ins Reich der Mathematik: „Der Preisindex ist der Kompaß, an dem der Währungsmann sich orientieren muß.“ Objektives Maß für die Kaufkraft des Geldes könnten nur die „Preise nach dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage“ sein. Ziel: „Gleichgewicht von Waren- und Geldmenge“ als Sicherung des Wirtschaftslebens vor Störungen; „der Durchschnitt aller Preise soll konstant bleiben“ (bei freien Einzelpreisen); Verminderung der Geldmenge bei kräftiger steigendem Gesamtpreisniveau und umgekehrt. Mancher schüttelte ungläubig den Kopf über diesen Katechismus.

Warnend Prof. S. L. Gabriel (Thema: „Versuche mit Indexlöhnen“): „Dieses System macht es der Notenbank sehr schwer, sich des Schutzes der Währung anzunehmen.“ Und: „Indexlöhne ohne Inflation bedeuten Rückgang der Beschäftigung, also Arbeitslosigkeit.“ Deutlicher Haken: „Der Versuch, eine Inflation zu starten, wird bei einem Indexlohnsystem sinnlos; aber die Regierung, die deshalb von einer Inflation absieht, ist noch nicht erfunden.“ Die aufschlußreiche Schilderung der jüngsten Maßnahmen Frankreichs (Gleitende Lohnskala: „Das Vorprellen der Löhne könnte dadurch aufgehalten werden“), der Erfahrungen etwa in Schweden, Belgien, Dänemark, Italien, den USA und im Bundesgebiet (z. B. graphisches Gewerbe) verdichtete sich zu der ebenso knappen wie überzeugenden Schlußfolgerung: „Versuche, die Kaufkraft der Löhne zu sichern, gefährden die Stabilität der Währung.“ Letztere hat bei ihm Priorität. Der Alpdruck diktatorischer Indices löste sich und ihre Schatten wichen vertrauten Sentenzen.

Als „etwas Neues neben Obligation und Pfandbrief mit dem Vorteil leichter Realisierbarkeit“ und als „praktische Antwort des Bankiers auf die Notwendigkeit, breitesten Schichten eine Anlagemöglichkeit mit Substanzsicherung zu bieten“, pries Direktor Ernst Frühstück (Filialleiter bei der 1950 gegründeten Allgemeinen Deutschen Investment-Gesellschaft mbH., München) die Investment-Zertifikate, die einen „Querschnitt durch die Gesamt-Börsenentwicklung repräsentieren“. Eine erhebliche Risikostreuung („Aktie für jedermann“) wirkt hier als Vorteil.

„Die Versicherungswirtschaft muß größten Wert darauf legen, daß die Reserven wertbeständig gebildet werden“, sagte Dr. Hasso, Härlen, Chefmathematiker der Bayerische Rückversicherungs-AG., in dem Vortrag über „Wertbeständige Lebensversicherungen“. Forderung: „Die Währung muß also wertbeständig sein, damit die auszuzahlenden Versicherungssummen ihren Zweck erfüllen können“ und andererseits auch die Prämien selbstverständlich wertbeständig bleiben müssen. Zum Index-Gewinnplan, der Kaufkraftschwankungen Rechnung tragen soll: „Die Kunst, das Natürliche zu sehen; kein Ei des Kolumbus oder Hexerei.“