Kapital kann durch Wechsel nicht ersetzt werden, sobald der Markt einmal anders läuft als erwartet. Wechsel können auch in einem Konzern Kapital nicht ersetzen. Das trifft im allgemeinen zu, und – wie es scheint – auch im Falle der Phrix. Konzernfinanzierung ist etwas ganz anderes als die Finanzierung eines einzelnen Unternehmens. Hier bleiben Schulden nämlich Schulden. Beim Konzern aber kann man eine Verpflichtung in eine Forderung verwandeln und darauf Geld aufnehmen. – In diesem Sinne etwa äußerte sich während seines bekannten Prozesses, der nach 20 Monaten ausgesetzt werden mußte, der frühere Finanzdirektor der Phrix AG, Dr. Adolf Grom. Diese Technik scheint nicht unbekannt geblieben zu sein. Wer jedenfalls versucht, die Phrixgruppe in ihre Bestandteile und Abhängigkeiten zu zerpflücken, trifft immer wieder auf Grenzen, die aus der Umdisposition von Verpflichtungen in Forderungen hervorgerufen sein müssen und nur von der Phrix-Leitung aufgeklärt werden können, nicht von Banken, Aufsichtsräten oder Teilbetrieben. Die Phrix-Leitung aber schweigt.

Es bestand zwar anfänglich Hoffnung, daß ein Konzernstatus bekannt würde. Diese Hoffnung muß aber wohl begraben werden, seitdem die Verwaltung ihre Ansicht mitteilte, die Öffentlichkeit solle bis zur HV im August oder September warten (das wäre die erste HV seit der DM-Umstellungsrechnung). Aber es nützt wohl nichts, hierauf zu warten. Man wird dann nämlich nur eine HV der Phrix-AG, nicht aber der Phrix-Gruppe erleben. Und außerdem dürfen diejenigen, die sich für den Kapitalmarkt interessieren, vor allem die Aktionäre, wohl einmal erfahren, was mit „ihrem“ Unternehmen inzwischen geschehen ist. Die Banken halten nämlich mit 44 Mill. DM still, wovon 38 Mill. DM unter ein allgemeines Stillhalten fallen, nachdem 6 Mill. DM vorab gesichert sein sollen.

Da von der Phrix nichts zu hören ist, vielleicht weil sie selbst ihren Status noch nicht kennt, muß man sich darauf beschränken, festzustellen: Wem gehört was? Da sind zuerst die Phrix-Werke AG zu nennen. Sie war bei Kriegsende beteiligt an: der Phrix GmbH, Hamburg, zu nom. 2,4 Mill. RM oder 96 v. H. (5:3 umgestellt), der Chemie-Faser AG (früher Rheinische Zellwolle), Siegburg, zu nom. 17,47 Mill. RM oder 70,98 v. H. (1:1 umgestellt), der Rheinische Kunstseide AG, Krefeld, zu nom. 17,26 Mill. RM oder 58,9 v. H. (1:1 umgestellt), der Kurmärkische Zellwolle- und Zellulose AG, Wittenberge, zu 82,4 v. H., der Zellwolle- und Zellulose AG, Küstrin, zu 70 v. H., der Schlesische Chemie AG, Breslau, zu 58,3 v. H. und der Schlesische Zellwolle AG, Hirschberg, zu 47,4 v. H. Hiervon verblieben die Phrix GmbH, Siegburg und Krefeld. Man mußte folglich das eigene Kapital von 70 Mill. RM auf 35 Mill. DM zusammenlegen bei 1,77 Mill. DM gesetzlicher Rücklage. Diese Umstellung 2:1 ist günstig, da Krefeld und Siegburg zur Währungsreform weder arbeiteten (keine alliierte Produktionserlaubnis) noch die Kriegsschäden beseitigt waren. Der Aufbau erfolgte rasch. Der hohe Einsatz war daher berechtigt. Hohe Abschreibungen wurden verdient.

Doch auch über diese Abschreibungen hinaus wurde gebaut. Das alte Lied, das den gesamten deutschen Wiederaufbau kennzeichnet: Kurzfristiges Geld wurde langfristig investiert. Diese Wechselfinanzierung geht immer solange gut und ist immer solange zu vertreten, wie der Aufschwung dauert. Als dann die Chemiefaser-Flaute kommt, die Kapazitäten mangels Aufträgen nicht ausgenutzt werden können, Kurzarbeit oder vorübergehende Stillegungen (gekoppelt mit Betriebsferien) nötig werden, da drängten die Wechsel. Weil Krefeld und Siegburg aber bei vorsichtiger Bewertung nach Abzug der kurzfristigen Bankschulden noch immer 52 Mill. DM Kapital (Status vom 30. April 1952) darstellen, tolerieren die Banken die Wechsel, die mit vielen Konzernunterschritten und Bürgschaften versehen sind, Wechsel aus Investitionen oder aus Rohstofflieferungen. Das echte Liquiditätsloch soll 16 Mill. DM bei Krefeld und Siegburg betragen. Was auf die Banken noch zukommt, wird erst der Status ergeben ...

Jetzt müßten die Unternehmen wieder flott sein. Und sie können es dann bleiben, wenn die Aufträge erlauben, daß die Kapazitäten zu mindestens 70 v. H. ausgenutzt werden. Bei den gegenwärtigen Preisen sollen die Werke bei 55 v. H. Ausnutzung in Kosten und Erlösen glattstehen, ohne Abschreibung.

Was gehört noch zur Phrix? Um die in den verlorenen mittel- und ostdeutschen Zellstoffwerken gesammelten Erfahrungen und Erfindungen auszuwerten, hat man 1951 die Zellulose GmbH, Okriftel, erworben (9 Mill. DM). Sie gehört zu gleichen Teilen der Phrix-Werke AG, Krefeld und Siegburg. Hier wird trotz schwächer werdendem Papiermarkt gut gearbeitet. Okriftel ist in Krisenzeiten eine Teilrohstoffbasis der Gruppe. – Fast ganz gehören die Möllner Textilwerke GmbH der Phrixwerke AG. Bisher wurde immer nur von der „befreundeten Firma“ gesprochen. Jetzt ist man deutlicher geworden, weil die Öffentlichkeit von anderer Seite unterrichtet wurde. Dieses Unternehmen soll in der Tendenz 1 Mill. DM wert sein. – In Mölln wiederum liegt das Kapital der Chemie- und Textil-Gesellschaft, Friedrichshafen. Es steht in Mölln gering zu Buch, soll aber mit etwa 6 Mill. DM zu veranschlagen sein. Dann fehlt noch der Komplex Neumünster. Hier arbeitet die „Neumag“, die jetzt auch offiziell als zur Phrix gehörig bezeichnet wird. Hier sitzt die Bau- und Montage GmbH, Bauträger im Phrix-Bereich, materiell von geringerem Gewicht. Hier domiziliert ferner die Strohzellstoff-Werke AG, gedacht für die (nicht erfolgte) Auswertung von Stroh in Zellstoff. Hierfür sind in einigen Betrieben der Phrix-Gruppe noch Rückstellungen für eine mögliche Kapitalerhöhung der Strohzellstoff-Werke AG vorhanden. Dann soll es noch Rückstellungen für Ostwerke geben. Wie wird man diese Posten im Konzernstatus behandeln?

Im Besitz der Phrix-Werke AG ist das Labor in Neumünster, ein hervorragender Ersatz für die verlorenen Forschungsstätten Hirschberg. Die Forschung in Neumünster war nicht billig; sie mag sogar recht teuer gewesen sein, bedeutet aber ein wertvolles Aktivum. Eigene Forschung und Lizenzen haben zu den Phrilon-Fasern und -Seiden geführt. Man steht in Großversuchen mit synthetischer Wolle, von der Fachleute sagen, daß hier „die“ Zukunft liege. Bis die Phrix-Sorgen endgültig zu überblicken sind, soll die Forschung kürzer treten, leider. – Als Ein- und Verkaufsorganisationen fungieren dann noch die Phrix-GmbH und die Toq-GmbH.