Jede Zukunftsplanung in den europäischen Kulturländern muß stärker als bisher auf das Wasser abgestellt werden. Die anwachsende Bevölkerung verlangt zu ihrer Unterhaltung und Ernährung eine zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft und eine Weiterentwicklung der gewerblichen Wirtschaft. Lebensnotwendige Voraussetzung für diese Entwicklung ist aber die Belieferung mit so großen Wassermengen, daß die im natürlichen Wasserkreislauf der Natur dargebotene Wassermenge diesen Bedarf ohne menschliche Verbesserungen schon in naher Zukunft nicht mehr wird decken können. Dies ist um so mehr zu erwarten, als auf der einen Seite die wachsende Hygiene im Haushalt der Menschen den Wasserverbrauch steigern wird und auf der anderen Seite die durch die zunehmende Bevölkerungsdichte erzwungenen menschlichen Eingriffe durch Trockenlegung von Mooren, Ausbau der Flüsse, Rodung von wasserspeichernden Wäldern usw. zu einem übermäßig schnellen Ablauf der Niederschläge geführt haben. Es ist dem Menschen nicht möglich, die Größe der Niederschläge zu beeinflussen, eingreifen kann er aber in die Ablaufvorgänge der Wassermengen. Es wird zur Abwendung katastrophaler Schwierigkeiten in der Zukunft alles darauf ankommen, die Niederschläge möglichst lange festzuhalten, um sie für die obengenannten Zwecke nutzbar zu machen. Es muß daher die natürliche Speicherung in den Wäldern und im Untergrund mit allen technischen und organisatorisch möglichen Mitteln gefördert werden, und wo diese Maßnahmen nicht ausreichen, muß auf die Speicherung in Talsperren übergegangen werden.

Vor diesen wasserwirtschaftlichen Problemen stand das Ruhrgebiet schon vor fünfzig Jahren. Hier mußte für rund 5 Mill. Einwohner einwandfreies Trink- und Gebrauchwasser gewonnen und darüber hinaus die vierfache Menge für die Kohlen- und Eisenindustrie und die Großchemie geliefert werden. Für die Förderung und Aufbereitung jeder Tonne Steinkohle werden rund 2,5 cbm Wasser und je Tonne Koks rund 5 cbm Wasser verbraucht, die Herstellung von 1 t Roheisen erfordert 10 bis 20 cbm Wasser, 50 bis 90 cbm Wasser sind zur Gewinnung von 1 t Benzin aus Steinkohle erforderlich.

Insgesamt ist der Jahresbedarf der Siedlungswasserwirtschaft an der Ruhr schon weit über 1 Mrd. cbm angestiegen, für dessen Deckung zu rund 70 v. H. die kleine Ruhr in Anspruch genommen wird. Etwa 100 Wasserwerke entlang der Ruhr fördern das Ruhrwasser nach Filterung im Untergrund in ihre Versorgungsgebiete, die neben dem eigentlichen Flußgebiet der Ruhr nahezu das ganze Niederschlagsgebiet der nördlich davon liegenden Emscher und auch große Teile des Lippegebietes umfassen. Während der Wasserbedarf sich mit etwa 25 bis 30 cbm/s annähernd gleichmäßig über das ganze Jahr verteilt, schwankt die natürliche Wasserführung der Ruhr zwischen einem höchsten Hochwasser von 2200 cbm/s und einem Niedrigwasser von nur 5 cbm/s. Etwa die Hälfte der Wasserförderung wird mit zur Zeit 13 cbm/s in die genannten fremden Flußgebiete übergepumpt und geht der Wasserführung der Ruhr ganz verloren. Diese Zahlen zeigen, daß die Belieferung der Wasserwerke nur durch großzügige menschliche Eingriffe sichergestellt werden kann. Im Einzugsgebiet der Ruhr wurden unter Führung des Ruhrtalsperrenvereins in Essen bisher 14 Talsperren mit annähernd 280 Mill. cbm Fassungsraum errichtet, weitere große Sperren mit zusammen 180 Mill. cbm Stauraum sind im Bau und in der Planung.

Wenn mit diesen großen Sperren auch die Belieferung der Ruhrwasserwerke mengenmäßig gesichert wird, so sind darüber hinaus große Anstrengungen nötig, um auch gütemäßig das Ruhrwasser in einem Zustand zu erhalten, daß es zur Aufbereitung als Trinkwasser geeignet bleibt. Es ist nötig, alles Abwasser, das von den 1,5 Mill. Einwohnern und der Industrie im eigentlichen Flußgebiet der Ruhr in die Wasserläufe geschickt wird, sehr sorgfältig zu reinigen.

Die Durchführung dieser großen wasserwirtschaftlichen Aufgaben geht über die technische und finanzielle Leistungsfähigkeit der einzelnen Gemeinden und auch der großen Werke weit hinaus. Es wurden daher in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts für die genannten Flußgebiete Wasserwirtschaftsverbände gegründet, denen die Sorge um das Wasser übertragen wurde. Sitz dieser großen Verbände wurde Essen, wo schon 1865 das erste Wasserwerk an der Ruhr gebaut worden war und wo der weitschauende Oberbürgermeister führend an der Gründung der ersten Verbände beteiligt war. Die Essener Verbände – der Ruhrtalsperrenverein, der Ruhrverband, die Emschergenossenschaft und der Lippeverband – haben bisher zusammen für den Bau der von ihnen geschaffenen Anlagen über 0,5 Mrd. Goldmark aufgewendet. Genossen sind die Gemeinden und die großen Werke der Verbandsgebiete, die gemeinsam alle für die Bereitstellung des so lebensnotwendigen Wassers wie auch für die unschädliche Ableitung des verbrauchten Wassers entstehenden Kosten zu tragen haben. Irgendwelche Zuschüsse von staatlichen Stellen wurden bisher nicht in Anspruch genommen. Die Jahresbelastung, die vom Ruhrgebiet für die Arbeiten der vier Essener Verbände aufgebracht wird, beträgt zur Zeit rund 35 Mill. DM; sie wird aber noch wesentlich steigen, weil bei allen Verbänden ein großer Nachholbedarf für die letzten zehn Jahre zu decken ist, und weil für die weitere Entwicklung des Ruhrgebiets vorgesorgt werden muß. Man weiß im Revier von der Lebensnotwendigkeit einer leistungsfähigen Wasserwirtschaft. Die führenden Männer waren stets zu vorausschauender Planung und zur Tragung der Kosten bereit. Max Prüß