In George Orwells Satire „1954“ wird der totali-

täre Staat der Zukunft mit seinem „Wahrheitsministerium“ geschildert, das die Aufgabe hat, die Vergangenheit zu frisieren und die Geschichte nach den jeweiligen Bedürfnissen des Diktators umzuschreiben. Wir brauchen nicht bis 1984 zu warten, denn dererlei gibt es heute schon. In der Sowjetunion beginnt jetzt die 2. Ausgabe der „Großen Sowjet-Enzyklopädie“ in mehreren Bänden zu erscheinen, während die 1. Ausgabe, die seit 1926 erschienen war, wieder eingestampft wird. Zwanzig Bände der 1. Ausgabe befanden sich bereits in den Bibliotheken, als Stalin nach blutigen Kämpfen und Säuberungen, denen auch die Leiter des Redaktionskomitees der Großen Sowjet-Enzyklopädie, Bucharin und Pyatakow, zum Opfer fielen, die ganze und unbestrittene Macht erlangte. Deshalb schrieb der unlängst verstorbene Präsident der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, Wawilow, kurz vor seinem Tod in der Prawda: „Die Enzyklopädie (1. Ausgabe) enthielt schwere theoretische und politische Irrtümer und spiegelte nicht die großen Veränderungen im Leben der Sowjetunion und im Ausland wider. Die 2. Ausgabe muß die beste Enzyklopädie der Welt werden.“

Ein Vergleich der beiden Ausgaben zeigt schon in den wenigen bisher erschienenen Bänden, daß vor allem die zaristische Vergangenheit Rußlands in der 2. Ausgabe in weit günstigerem Licht dargestellt wird als vor 25 Jahren. Darin äußert sich der Übergang von der internationalistisch-marxistischen Geschichtsauffassung zum Sowjetpatriotismus und zum Imperialismus der Moskauer Machthaber. Besonders kraß kommt dies in dem Abschnitt über Abkhazia zum Ausdruck. 1. Ausgabe: „Die türkische Oberherrschaft dauerte bis 1810, als die Türken von den Russen verjagt wurden. Da die russischen Behörden andererseits nichts dazu taten, um Abkhazia mit den gewünschten Waren, ausgenommen Salz, zu versorgen, löste das Einfuhrverbot der billigen englischen Waren große Unzufriedenheit unter der einheimischen Bevölkerung aus. Diese machte sich durch den Boykott des russischen Salzes und sogar durch offene Aufstände gegen die Russen Luft.“

Dagegen heißt es in der 2. Ausgabe: „Die türkische Oberherrschaft über Abkhazia verursachte oftmals wilde Aufstände gegen die Usurpatoren ... Die russischen Kosaken halfen den Abkhaziern in ihrem Kampf gegen die Türken ... Die militärische Hilfe Rußlands befreite Abkhazia von der türkischen Bedrohung und schuf die Voraussetzungen für die Ausdehnung der wirtschaftlichen Beziehungen mit den angrenzenden Gebieten Westgeorgiens und mit den Schwarzmeer-Häfen Rußlands.“ –

Unter dem Stichwort Aggression wird eine Reihe von Kriegen aufgezählt, in denen Rußland angegriffen worden sei, einschließlich des russischjapanischen Krieges. Besonders interessant ist die Schilderung der Ereignisse, die zum zweiten Weltkrieg führten: „Am Vorabend des zweiten Weltkrieges nahm die Regierung der UdSSR Verhandlungen mit Großbritannien und Frankreich zum Abschluß eines Dreierpaktes für gegenseitigen Beistand auf ... Die britisch-französischen Imperialisten brachten ihre Gegenvorschläge ein, die praktisch Hitler-Deutschland die Gelegenheit gaben, seine Eroberungspolitik fortzusetzen, und seinen Kampf um die Weltherrschaft erleichterten. Die britische und die französische herrschende Klasse verfolgten das Ziel, es zu einem Zusammenstoß zwischen Deutschland und der Sowjetunion kommen zu lassen ... Stalins weise Außenpolitik brachte diese Pläne zum Scheitern.“

Wieso diese Pläne zum Scheitern gebracht wurden, da doch zwei Jahre später der Zusammenstoß zwischen Deutschland und der Sowjetunion im vollen Gange war, sagt die Enzyklopädie nicht, und sie erwähnt auch nicht den deutschsowjetischen Pakt, der Hitlers Angriff auf Polen voranging und dem die Teilung Polens zwischen Hitler und Stalin folgte. Ebensowenig wird mitgeteilt, daß England und Frankreich wegen dieses Angriffs auf Polen 1939 ihrerseits in den Krieg eintraten. Doch wird der deutsche Angriff auf Rußland im Jahre 1941 mit dem Eigenschaftswort perfid belegt.

Darüber konnte natürlich in der 1. Ausgabe noch nichts enthalten sein, und ebenso taucht das Stichwort Atombombe erst in der 2. Ausgabe auf. Hier wird nichts über sowjetische Atomspionage erzählt, sondern gesagt: „Die Reaktionen, die eine Kettenreaktion auslösen kann, werden auf Grund der Spontanfusion eines Uranatoms, die von den sowjetischen Physikern G. N. Ferow und K. A. Petrzhak entdeckt wurde, oder unter dem Einfluß kosmischer Strahlen hervorgerufen ... Die Atombombe ist nicht die Erfindung eines einzelnen Wissenschaftlers oder eines einzelnen Landes, sondern wurde durch langes Studium der natürlichen und künstlichen Radioaktivität geschaffen ... Die USA konnten dieses Problem früher als andere Länder lösen, weil die Hauptlast des Krieges gegen Deutschland von der Sowjetunion getragen wurde.“ H. A.