Sie saß noch auf der Regierungsbank, als ihr intimer Feind, Gheorghiu-Dej, am 2. Juni von der Nationalversammlung zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. In der Woche vorher war in einer Nachtsitzung des Zentralkomitees der Partei ihr politisches Todesurteil gefällt worden: Linienabweichung und Verletzung der Disziplin, infolgedessen Verlust der Ämter im Politbüro und im Parteisekretariat. In den folgenden Tagen verschärften sich die Angriffe. Die Kennzeichnung als „gegenrevolutionärer Klassenfeind“ durch den rumänischen Gewerkschaftsverband glich schon einer Achterklärung. Als der neue mongolische Botschafter in Bukarest sein Beglaubigungsschreiben überreichte, fehlte denn auch der Außenminister Anna Pauker. Und wenn die Wiener Nachricht stimmt, so ist sie jetzt nach der Sowjetunion abgereist – wie drei Jahre vorher Georg Dimitroff –

Eine unheimliche Wirkung ist von dieser Frau ausgegangen, die sich rühmte, die geheimsten Gedanken Stalins erraten zu können. Sie verband weibliches Einfühlungsvermögen mit männlicher Entschlossenheit. Ihre Stimme klang laut und fest, ihr Händedruck war hart. Das Löwenhaupt auf dem stämmigen Körper flößte weniger durch Häßlichkeit als durch Wildheit Schrecken ein. Die Augen spiegelten ebensoviel Intelligenz wie Fanatismus wieder. Es gab keinen Spannunglösenden weichen Zug in diesem Gesicht, keinen Ausdruck mütterlicher Wärme. Ihre Kinder mögen sie anders kennen, aber nach außen trat sie stets herrisch und unbarmherzig auf, Furcht, und Haß erregend und niemals Liebe, um die sie nicht warb. Wohl verstand sie mitzureißen, wenn sie, gekleidet nach der Art der weiblichen Revolutionäre alten Stils, in Rock und Bluse, mit dem kurzgeschnittenen stahlgrauen Haar, das ihr ständig in die Stirn fiel, vor die Menge trat und ihre leidenschaftlichen Anklagen gegen die Bourgeoisie und den westlichen Imperialismus herausschleuderte. Sie war von der Revolutionsidee besessen, sie war die „Unbestechliche“, die ihr Leben der Partei geweiht hatte, von der sie jetzt preisgegeben worden ist.

Als im Frühjahr 1948 der Posten des Generalsekretärs der neugeschaffenen „Vereinigten Arbeiterpartei“ besetzt werden sollte, kam es im Kreise der Vertrauten in Bukarest zu dramatischen Szenen. Der Kreml entschied für Gheorghiu-Dej und gegen Anna Pauker. Wollte er nach dem Ruf, den Madame Lupescu hinterlassen hatte, kein neues Frauenregiment in Rumänien? Kannte er zu gut ihre Machtgier, um nicht Schwierigkeiten für die Zukunft zu fürchten? Gheorghiu-Dej war bequemer.

Anna Pauker bleibt seine gefährliche Gegenspielerin, mit einem Sondertelephonkabel zum Kreml, dem sie als vorzügliche Nachrichtenagentin wertvolle Dienste leistet. In der Tito-Krise ist sie die Treueste der Treuen. Auf der Donaukonferenz im August 1948 berät sich Wyschinski eingehend mit ihr, während er die anderen Satellitenvertreter übersieht. Aus der ungepflegten Revolutionärin von einst ist eine elegante Dame geworden, die an jedem Konferenztag ein anderes Kleid trägt, wohl wissend, wie sie die Aufmerksamkeit auf sich zieht. In der mit Dynamit geladenen Atmosphäre in dem eben abtrünnig gewordenen Belgrad erlebt Anna Pauker den Höhepunkt ihrer diplomatischen Laufbahn.

Die Übersiedlung Dimitroffs in ein sowjetisches Sanatorium erschüttert zum erstenmal ihre Stellung. Anscheinend hat der Kranke und Gequälte von Gesprächen mit Rumänien erzählt, die zwar keine Sensation zu sein brauchen, aber von den mißtrauischen Russen schon deswegen für konspirativ gehalten werden, weil sie nicht darüber unterrichtet worden sind. Auch soll die temperamentvolle Anna ihm ihr Herz wegen „unerträglicher sowjetischer Einmischung“ ausgeschüttet haben. Doch gelingt es ihr noch einmal, die Gefahr abzulenken, indem sie den Verdacht auf Gheorghiu-Dej lenkt. Er hat im Jahre 1947 an mehreren Zusammenkünften mit Tito teilgenommen. Im April 1949 muß er seine Ämter als Vizepremier und Planungskommissar niederlegen, wird aber als Generalsekretär der Partei belassen. Einige Tage vorher sind Anna Pauker und Luca Vizepremier geworden.

Kurze Zeit später erfolgte der zweite Schlag: der Vitianu-Prozeß in der Schweiz. Der mit diplomatischer Immunität ausgestattete rumänische Agent hatte im Auftrage Anna Paukers in der Schweiz Frankenkontos angelegt. Sie wurden vor der Zentralkasse des Kominform in Moskau geheimgehalten. Es bestand also der Verdacht, daß Frau Anna sich für alle Fälle eine Fluchtreserve sichern wollte. Nie ist herausgekommen, auf welche Weise es ihr gelang, ihren damals schon als sicher geltenden Sturz zu verhindern. Vielleicht sollte der Eindruck vermieden werden, als ob dem Prozeß irgendwelche Glaubwürdigkeit zuzumessen sei. Wahrscheinlich hielt der Kreml die Zeit für ein Revirement in Rumänien noch nicht für gekommen. Aber mit Anna Pauker ging eine Veränderung vor sich: sie wurde eine, die Maßnahmen für ihre persönliche Sicherheit ständig verstärkende, von manischer Angst um ihr Leben gepackte, einsilbige, an Gedächtnisstörungen leidende alte Frau.

In der Hand von Gheorghiu-Dej liegt die Säuberungsaktion der Partei. An ihn wendet sich der Sowjetbotschafter, der Georgier Kaftaridse, zieht auch noch den Finanzminister Luca und den Kriegsminister Bodnaras hinzu, Anna Pauker übergeht er. Der Streit der Cliquen glimmt unter der Decke weiter, bis die Währungsreform auf sowjetischen Befehl zu Beginn dieses Jahres helle Flammen aus dem Parteigebäude herausschlagen läßt. Die Umstellung 1:100 trifft auch die breite Masse. Die Arbeiter murren, die Bauern stellen die Lieferung an die Stadt ein. Luca und der Innenminister Georgescu müssen als Sündenböcke dienen, und da gibt es bei dem Aufräumen kein Halten mehr: eine Art Komplott dieser beiden mit Anna Pauker wird festgestellt. Vom Kreml verlassen, ist die Frau der Rache Gheorghiu-Dejs ausgeliefert.

Der neue Ministerpräsident hat Bodnaras, der NKWD-Zögling ist, als Aufpasser behalten. Auch er kann morgen ausgewechselt werden, sobald die produktioneilen Leistungen des Landes den Moskauer Erwartungen nicht entsprechen. Anna Paukers Schicksal aber verliert für die Öffentlichkeit an Interesse. Sie mag lautlos verschwinden oder im Prozeß verurteilt werden. Als eigenwilliger revolutionärer Typ paßt sie nicht mehr in das Zeitalter der gesichtslosen stalinistischen Funktionäre. Harald Laeuen