Von Marcel-Edmond Naegelen

Der Verfasser ist eine der führenden Persönlichkeiten des französischen Sozialismus. Er war mehrmals Minister und zuletzt Generalgouverneur von Algerien.

Nicht erst seit gestern haben die französischen Sozialisten sich dafür eingesetzt, eine deutsch-französische Annäherung herbeizuführen. Dazu gehörte schon vor 1914 viel Mut. Denn der Verlust Elsaß-Lothringens wurde als ein nationales Unglück empfunden, und zwar von allen Franzosen ohne Unterschied der Partei. Jaurès selbst hatte die Annexion verurteilt. Um seinen flammenden Feldzug für den Frieden führen zu können, der sich in einem Bündnis zwischen Frankreich und Deutschland verwirklichen sollte, mußte er seine Gefühle unterdrücken und gegen eine öffentliche Meinung ankämpfen, die fast gänzlich gegen die Deutschen gerichtet war. Jaurès starb durch Mord, als Opfer seiner Furchtlosigkeit, seines Weitblicks und seiner Friedensliebe.

Gleich nach dem ersten Weltkrieg nahm die Sozialistische Partei Frankreichs ihre Bemühungen um eine deutsch-französische Annäherung wieder auf. Sie brachte der Republik von Weimar Vertrauen entgegen und suchte in Frankreich Verständnis für ihre Schwierigkeiten zu erwecken. Abermals mußte sie sich berechtigtem Groll und Unverständnis entgegenwerfen. Und abermals schien sie durch die Ereignisse widerlegt zu werden, als die große Mehrheit des deutschen Volkes sich an die rasende Kollektivnarrheit des Nationalsozialismus verlor. Frankreich wurde das Opfer der Invasion, und die Untaten der Nazis sind noch nicht vergessen.

Wer nicht verstehen wollte, daß das französische Volk nach diesen Erfahrungen Deutschland mit Mißtrauen gegenübersteht, würde eine völlige Unkenntnis der Völkerpsychologie verraten. Ich glaube nicht, daß es in unseren Städten und Dörfern gegen Deutschland „Haß“ im eigentlichen Sinne gibt. Was aber besteht, daß ist die Angst vor dem Nazismus, die Furcht vor der Wiederkehr des kriegerischen Imperialismus in Deutschland, vor einem abermaligen Sieg jenes Geistes, der die immensen deutschen Kräfte für neue Angriffe gegen die demokratischen Einrichtungen, die individuellen Freiheiten, die den Franzosen so heilig sind, und gegen die Integrität und nationale Unabhängigkeit der freien und friedlichen Länder gebrauchen würde.

Wie 1919 so hatten auch nach dem letzten Krieg die französischen Sozialisten das Verdienst, den Franzosen klarzumachen, daß Frankreich als Nachbar Deutschlands mit seinen 65 Millionen Bewohnern nicht in Sicherheit leben und sich nicht in Ruhe der Arbeit des Friedens widmen kann, solange sich die beiden Völker in Furcht und Feindschaft gegenüberstehen. Die französischen Sozialisten vertraten die Auffassung, daß man den Deutschen normale Lebensbedingungen geben müsse, wenn man sie nicht in die Verzweiflung und in unüberlegte Aktionen treiben wolle, die aus der Verzweiflung hervorgehen – freilich unter den notwendigen Vorkehrungen gegen eine Wiederkehr des Militarismus und unter Umerziehung der Generation, die den Hitlerismus erlebt hatte; kurz, für die Entwicklung und Vertiefung einer wirklichen Demokratie in Deutschland.

Mir fiel die Ehre zu, am 16. Januar 1946, einige Monate nach der deutschen Kapitulation, im Namen der sozialistischen Fraktion von der Tribüne der Ersten Assemblée Constituante diese Gedanken und Inventionen zu vertreten. Und ich erinnere mich, ohne persönlichen Stolz, der bemerkenswerten Tatsache, daß diese Vorschläge sehr gut aufgenommen wurden in einem Augenblick, als noch die den Konzentrationslagern entgangenen Franzosen mit dem Tode rangen und auf ihren Gesichtern noch die Vision ihrer Leiden trugen.