Von Carlo Schmid

Die Deutschen haben von altersher gefunden, daß in fremde Länder zu reisen der sicherste Weg sei, um zu sich selbst zu kommen. Manche sind in den Ländern geblieben, in die sie fuhren; sie sind darum nicht weniger Deutsche geblieben. Die meisten aber kamen zurück und diejenigen von ihnen, die draußen etwas aufgenommen haben – wissend oder unwissend – lebten das Deutsche, das in ihnen war, oft ergiebiger zu Ende als jene anderen, die den Schattenkreis ihres Kirchturmes nie verließen. Von denen, die auf Reisen gehen, nur um fortzugehen oder um den Planeten zu durchstreifen, sind jene zu unterscheiden, die in bestimmte Länder reisen und bestimmte Städte aufsuchen im Bewußtsein, daß ein Verweilen gerade dort für sie von eigentümlicher Bedeutung sei: sie suchen nicht nur die Ferne und das Fremde; was sie treibt, ist nicht der Reiz des Unerfahrenen; sie folgen nicht einem „Trieb“, sondern es zieht sie nach diesen Städten, weil sie sich von dem Wandel auf ihren Straßen und Plätzen den Zuwachs von Kräften erhoffen, die ihnen helfen sollen, sich in einem endgültigen Sinn „einzubürgern“.

Für die Deutschen haben zwei Städte diese Rolle in besonderem Maße gespielt: Rom und Paris; und es mag reizvoll sein, den Gründen nachzugehen, warum jene, deren Vorfahren glaubten, die Keime zum Neubeginn in der Fülle Roms’suchen zu müssen, ihre Schritte in gleichem Drang und mit gleicher Hoffnung den Gestaden der Seine zuwandten.

Daß Rom schon in früherer Zeit ein Ziel der Deutschen war, die Erlebnisse suchten, die ihnen Landschaft und Mauerring der Heimat nicht geben konnten, hatte Gründe, die jeder kennt: Rom, die Stadt der Cäsaren und Apostelgräber, konnte die Sehnsucht auch der Stumpfesten wecken, und mancher, den die Geschäfte an die Kurie führten, mochte den zu Haus Gebliebenen so viel an Wünschen eingegeben haben, Palatium und Capitol aufzusuchen, wie die Lieder und Erzählungen der Scholaren, die von den Universitäten Oberitaliens weiter nach Süden gezogen sein mochten.

Aber das alles war eine höhere Form der Neugierde nach den mirabilia mundi. Diese Reisen waren Exkursionen, von denen man Wundermären heimzubringen hoffte. Wer sie unternahm, mochte sich geschmückt und geadelt fühlen, aber er wird sich nach der Heimkehr kaum verwandelt vorgekommen sein.

Das ereignete sich erst, als Rom als das größte Schatzhaus des Altertums entdeckt wurde und als der lebendige Kontakt mit den kostbaren Kunstwerken der alten Welt zum Bildungserlebnis schlechthin wurde. Das fing mit den großen Humanisten an. und mancher fand den Weg nach Rom erst über Venedig – aber es wurde zu einem Stück deutschen Nationalschicksals doch erst, als Winkelmann jenseits aller antikisierenden und antiquarischen Anliegen in der Kunst des Altertums Lebenskräfte neu entdeckte, die versiegt zu sein schienen, und als sein Werk die Deutschen über die Alpen rief, sich in den neugefundenen Quellen voll ausgebildeten Menschentums gesund zu baden. Nun kamen die ersten Deutschen nach Rom, die glaubten, nur dort könne man Malen lernen und nur dort fände man gültige Vorwürfe für seine Kunst. Und nun kamen jene jungen Deutschen von Stand, die wie der junge Goethe – anders als der Vater – in Rom sowohl die heitere Einfalt des Volkes dieser Stadt genießen wollten, als auch den Pomp seiner Bauwerke, Bilder und Statuen aufsuchten, um die Verklebung der Augen zu lösen und den Zauber des Dings und des Leibs zu erfahren. Die „Römischen Elegien“ und die „Italienische Reise“ sind es gewesen, die durch Generationen den jungen Deutschen Rom zum eigentlichen Ziel ihrer Bildungsreise gemacht haben: von dort glaubten sie, wie Faust, wenigstens die Gewänder der Helena heimholen zu können.

Nach diesen kamen die Jünglinge, die – wie der dem Tübinger Stift entlaufene Waiblinger – lieber in der Sonne Roms verderben als im Staub der deutschen Kleinbürgern gedeihen wollten. Es kamen die Nazarener, die die Kunst aus Ursprüngen erneuern wollten, die sie in Rom glaubten finden zu können, und es kamen die Unzähligen, die sich in Rom niederließen: vom Sohne Goethes an, der dort sein Grab fand, bis zu den Deutsch-Römern der Literatur und der Malerei.