Von Walther F. Kleffel

Innerhalb von zwei Tagen, die ich an der Front woche“, die am Sonntag mit dem Deutschen Derby ihren Abschluß und Höhepunkt erreicht. Diesmal feierte man zugleich auch den hundertsten Geburtstag des Hamburger Renn-Clubs, der Anfang des Jahres 1852 als „Hamburg-Lokstedter Rennclub“ gegründet wurde und im August desselben Jahres seinen ersten Renr.tag abhielt. Natürlich waren dies nicht die ersten Rennen, die in Deutschland oder selbst in Hamburg stattfanden. Schon dreißig Jahre früher hatte der kleine mecklenburgische Ort Doberan zu Rennen eingeladen; sieben Jahre später erlebten die Berliner in Lichterfelde das schöne Schauspiel.

In allen Ländern, in denen Vollblutzucht und Rennsport betrieben werden, gilt der Griff nach dem „blauen Bande“ jedem Zweiter und Rennstallbesitzer als das Ziel seines höchsten Ehrgeizes. Es war im Jahre 1780, da entschloß sich der zwölfte Earl of Derby einer der bedeutendsten sportsmen seiner Zeit, gemeinsam mit seinem Freunde, Sir Charles Bunbury, ein Rennen für dreijährige Pferde zu schaffen, die bereits in früheren Prüfungen erfolgreich waren. Um den Namen des Rennens wurde gelost. Eine in die Luft geworfene Goldmünze sollte entscheiden, ob das neue Rennen in Zukunft „Bunbury“ oder „Derby“ zu heißen hätte. Das Los entschied für den Earl of Derby, aber Sir Charles gewann mit seinem prächtigen Hengst „Diomed“ gegen acht Teilnehmer das Rennen, das sich im Laufe der Jahre zu der wichtigsten Vollblut-Prüfung entwickelte.

Fast neunzig Jahre später (1869) erst wurde auch in Deutschland ein „Derby“ veranstaltet, das zwei Jahre zuvor Graf Willamowitz-Möllendorf und v. Schwichow-Margoninsdorf proponiert hatten und das mit einem Preise von 1400 Thalern ausgestattet wurde. Eine bescheidene Summe, wenn man sie mit den heutigen Preisen vergleicht, doch den Turffreunden galt ein Sieg immer mehr als die klingende Münze.

Wollte man die Geschichte des Deutschen Derbys mit seinen harten Kämpfen, aufregenden Zwischenfällen und großen Überraschungen erzählen, man müßte ein Buch darüber schreiben – und das ist ja auch inzwischen von Carl Düsterdieck meisterhaft geschehen. Dies Buch liest sich wie ein spannender Roman. Nicht immer hat auch der tatsächlich Beste seines Jahrganges gewonnen. Nicht immer war das beste Pferd am Derby beteiligt, denn schon als Jährling muß es genannt werden, und einem so jungen Fohlen kann der Züchter nicht immer trauen. So spricht man mit Recht von der glorius uncertainty des Turfs. Glück muß man schon bei der Nennung haben.

Dieses große Glück, das sich so selten einstellt, hatten in der Silvesternacht 1881 auf 1882 der ungarische Edelmann E. v. Blaskovits und sein kleines Fohlen, das wenige Minuten nach 12 Uhr auf dem Budapester Hauptbahnhof in einem Eisenbahnwaggon das Licht dieser Welt erblickt hatte. Es war ein Kind der berühmten Wunderstute „Kincsem“, die in 54 Rennen ungeschlagen geblieben war und mit diesem Ruhm ins Gestüt wanderte, nachdem sie in nur vier Jahren die nicht nur für damalige Zeiten phantastische Summe von 330 000 Mark zusammengaloppiert hatte. Noch in der Nacht zum neuen Jahre bot der Buchmacher C. Heinrich Lehmann dem Besitzer des neugeborenen Fohlens, das auf den Namen „Budagyöngye“ (Perle von Budapest) getauft wurde, für das drei Jahre später zu laufende Deutsche Derby eine Wette mit 100 : 1 an, und Herr. v. Blaskovits akzeptierte mit einem Einsatz von 10 000 Gulden. „Budagyöngye“ wurde im Wiener Derby 1885 Dritte, in der Hoppegartener „Union“ Zweite und gewann dann zu Hamburg tatsächlich das Deutsche Derby. Lehmann zahlte im Alsterpavillon prompt die Million aus, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Nicht immer sind, wie gesagt,. Züchter und Rennstallbesitzer überzeugt, einen zukünftigen Derby-Sieger im Stall zu haben. So hatte vor der Entscheidung der „Derby Stakes“ von 1837 Lord Berner einen seiner Diener beauftragt, beim Englischen Jockeyclub die Streichung seines Pferdes „Phosphorus“ anzumelden und diese auch dem Trainer mitzuteilen, da er seinem Hengste nicht die geringste Chance gab. Der Diener aber gab den Brief seines Herrn mit der Reugeld-Erklärung nicht ab, da er selbst das Pferd zu dem langen Kurs von 30 : 1 vorgewettet hatte. Lord Berner ging nicht einmal zu dem Rennen nach Epsom, zumal er auch der Ansicht war, daß sein Pferd gestrichen sei. Erst am Abend erfuhr er zu seiner größten Überraschung, daß „Phosphorus“ in einem Felde von 17 Pferden gewonnen hatte. Wie der Diener sich aus der Affäre gezogen hat, ist uns nicht berichtet, ebensowenig, ob der Herr seinen unfolgsamen Diener belohnte.

Wieder wird sich am Sonntag auf der Horner Rennbahn ein stattliches Feld guter Pferde am Ablaufpfosten für das Derby einfinden, um über die 2400 Meter zu galoppieren. Acht Teilnehmer stammen selbst von alten Derbysiegern (Abendfrieden, Allgäu, Magnat und Ticino) ab, und der Magnat-Sohn „Grenzbock“ geht als hoher Favorit ins Rennen. Noch unlängst schlug dieser Sieger im Preis des Winterfavoriten 1951 bei seinem ersten Rennen in diesem Jahre (Union) die gesamten Spitzenpferde seines Jahrganges. Wer also sollte ihm gefährlich werden? Sein Stallgefährte „Vogelfreund“ sicher nicht, vielleicht der Waldfrieder „Mangon“, der bereits das Henckel-Rennen gewann und in der „Union“ nach sehr ungünstigem Rennen Dritter hinter „Grenzbock“ und dem Schlenderhaner „Blauer Vogel“ wurde und manchen von seinen voraussichtlichen Gegnern im Derby „Stani“, „Brillant“, „Julius Caesar“ hinter sich ließ. „Blauer Vogel“ galt stets als das Derbypferd seines Stalles, die Tatsache aber, daß der Oppenheimsche Stalljockey „Jana“ reiten soll, deutet wohl darauf hin, daß Trainer G. Arnull nunmehr der Stute, die den Preis der Diana leicht gewann, mehr Siegeschancen gibt. Wie wird sich „Julius Caesar“ halten, der, wie viele Ticino-Nachkommen, ein spätreifes Pferd ist? Kein Zweifel darüber, daß er die sieggewohnten Farben des Gestüts Erlenhof ehrenvoll vertreten wird. Insgesamt darf man wohl mit 16 Pferden rechnen, die sich diesmal um das „Blaue Band“ streiten werden.