Von Jean-Marie Carré

Es ist nicht schwer zu zeigen, daß die meisten französischen Schriftsteller – die Männer also, welche die öffentliche Meinung formen – im Laufe des neunzehnten und in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Deutschland besonders wohlgesinnt waren. Ich selbst habe schließlich in einem Buche, das ich nach der Befreiung Frankreichs veröffentlichte (Les ecrivains français et le mirage allemand, Verlag Boivin, Paris, 1947), die französischen Autoren beschuldigt, daß sie wie geblendet auf Deutschland sehen. Heute will ich jedoch von ihren guten Absichten sprechen, von ihrem unerschütterlich guten Willen. Denn es ist ja die Zeit, eine Annäherung zu versuchen. Wieder einmal! Aber bringen wir die Probleme nicht durcheinander!

Stets sind wir Franzosen wohlvorbereitet, die Ideen und die Werke der Deutschen bei uns aufzunehmen. Es ist ja schon Gewohnheit, nach Deutschland zu sehen. Es ist Tradition seit mehr als einem Jahrhundert. Fünfundsiebzig Jahre hindurch lebten wir mit einem Idealbild von Deutschland im Herzen, mit dem Bilde, das Madame de Staël in ihrem enthusiastischen Buch von 1813 vom deutschen Wesen gemalt hatte. Nichts konnte dieses Bild bei unseren Schriftstellern und bei unseren Intellektuellen erschüttern; nicht der Schock der Invasion von 1814, nicht die Niederlage von Waterloo 1815, nicht die diplomatische Spannung von 1840 und nicht die literarischen Auseinandersetzungen, die abermals die Frage des Rheins aufrollen sollten. („Le Rhin“ von Victor Hugo predigt eine Entente zwischen den beiden Nachbarvölkern.) Andrerseits hat das beispielhafte Bild des liberalen Deutschlands, des fleißigen, wissenschaftlichen, des metaphysischen und unbefangenen, jenes Deutschlands also, das uns Victor Cousin, Michelet und die Liberalen von 1848 zeigten, sich noch bei Taine und Renan, bei unseren eminentesten Schriftstellern bis zur zweiten Invasion gehalten, zu der von 1870. Hernach, nach einer bitteren und übrigens kurzen Periode der Desillusionierung, die durch eine mediokre Revanche-Literatur gekennzeichnet war, erhob sich rasch die alte Hoffnung auf Versöhnung und Bündnis. Bis zur dritten Invasion, der von 1914. Endlich, nach dem großen Krieg, entwickelte sich ein neues Bild bei uns: das des republikanischen Deutschland, der Verfassung von Weimar, die große Erwartungen erregte und die doch nur einige Jahre dauern sollte. Dieses Bild blieb bis zur Diktatur Hitlers, die uns in Verwirrung und Zersplitterung brachte, als die vierte Invasion kam: die von 1940 ...

Wir haben in bezug auf Deutschland immer ein günstiges Vorurteil gehegt. Es war ein politisches, ein literarisches, ein historisches, ein philosophisches, ein musikalisches Vorurteil. In den Augen der Madame de Staël, die auf der Proskriptionsliste stand und die der napoleonischen Tyrannei (mit guten Gründen) feindlich gegenüberstand, war das Deutschland von 1804 das Land der Freiheit, des Geistes, der Treuherzigkeit, des Gemütes, des Enthusiasmus, das Land Goethes und Schillers, die reine Republik der Künste. Den Dichtern der Restauration, den Zeitgenossen von Victor Hugo, die bereits der klassischen Regeln, der gesetzmäßigen Tragödie müde waren, stellte sich Deutschland mit E. T. A. Hoffmann als das Reich der wahren Romantik, der Phantasie, der Lyrik, der echten Inspiration dar. Für Victor Cousin, der den Materialismus des achtzehnten Jahrhunderts und den Geist der Enzyklopädisten überwinden und in Frankreich eine spiritualistische Philosophie wiedereinführen wollte, war Deutschland die Heimat der Metaphysik, das Königreich der Ideen, symbolisiert durch die großen Namen Kant, Fichte, Schelling, Hegel. Für Michelet, der von der Gestaltung einer Geschichte Frankreichs träumte, die unsere gesamte Vergangenheit wieder aufleben lassen und jene großen Gesetze freilegen sollte, die hinter dem Tumult der Ereignisse wirken, war Deutschland das schönste Gleichnis der Geschichtsphilosophie. Für Renan schließlich, der, unserer Rhetorik überdrüssig, nach einer präzisen Wissenschaft strebte, war Deutschland ein Muster derPhilologie und der Geschichtswissenschaft. Dann kamen die symbolistischen Dichter, jene Parteigänger einer neuen Dichtkunst, die sich auf die sinnlichen Bedeutsamkeiten und auf die magischen und suggestiven Mächte der Kunst stützten: für sie war Deutschland der bewunderte Tempel der neuen Musik, in dem sich das „Drama der Zukunft“ entwickelte, dessen großer Prediger Richard Wagner hieß. So haben wir aus der vielgestaltigen und veränderlichen deutschen Wirklichkeit immer wieder bestimmte geistige Bilder herausgenommen, die unseren Idealismus beruhigten und unserem Vertrauen Nahrung gaben: Wir bewunderten mit Madame de Staël den klassischen Geist von Weimar, mit den Dichtern unserer Restaurationszeit die Dramen Schillers, die Erzählungen Hoffmanns und das geheimnisvolle Land der Romantik, mit Victor Cousin das Heiligtum der Metaphysik, mit Michelet den Tempel der Vergangenheit und den Höhepunkt der Geschichtswissenschaft, mit Taine und Renan die Hochburg der Exegese und der Philologie, und mit unseren Symbolisten und Décadents das Walhalla der Musik.

Bis zu der grausamen Enttäuschung von 1870, ja sogar noch nachher, bemühten sich unsere Dichter, Philosophen, Historiker und Künstler immer wieder, das ganze Deutschland mit einem seiner besonders vorteilhaften Aspekte zu identifizieren, vor allem mit seiner Kunst und seinem Idealismus. Dann kam die Niederlage. Aber was geschah? Sedan hatte bei uns keinen nachhaltigeren Effekt als Waterloo. Wir wollten das liebe, alte Bild von Deutschland retten und kamen nun auf die Idee, das Deutschland der Kasernen von dem der Laboratorien und das Deutschland der Hohenzollern von dem der Gelehrten zu trennen; wir glaubten, das militaristische Deutschland von einem anderen Deutschland unterscheiden zu müssen, das man das liberale nannte. Das liberale Deutschland, so hoffte man, werde dem militaristischen immer ein Gegengewicht bieten, der Individualismus Nietzsches werde schließlich den Block der dumpfen und kritiklosen Masse auflösen. Und wie sie vorher Goetheaner und Kantianer gewesen waren, entdeckten sich, im besten Glauben, unsere Schriftsteller nunmehr als Wagnerianer, Marxisten und Nietzscheaner. Diese übertriebenen Vorlieben schläferten häufig ihre Beobachtungsgabe und ihre kritischen Fähigkeiten ein.

Bedarf es noch weiterer Beweise ihres guten Willens? Barrès war sehr lange Wagnerianer, ehe er, nach seiner Reise nach Deutschland, der Romancier der Bastions de l’Est wurde. Im Jahre 1905, nach Agadir, ließ sich Romain Rolland von Albert Schweitzer auf der Orgel von St. Thomas in Straßburg Bach vorspielen; das elsaß-lothringische Problem bestand fortan kaum mehr für ihn. Sein „Jean-Christophe“, so schrieb er, sei „eine Brücke über den Rhein, die Deutschland und Frankreich verbindet und sie als komplementär erweist“. Man kennt auch den reichen Anteil, den Gide an der deutschen Kultur genommen hat: sein Wissen um die deutsche Literatur, die Bewunderung, die er sein ganzes Leben lang für Goethe empfand (den er im Herbst 1940 wieder las!), und manche von uns haben ihn sehr wenig beeindruckt durch das Drama der Okkupation gefunden. Was man aber vor allem unterstreichen muß, das ist, daß die französischen Intellektuellen, als sie zwischen den beiden Kriegen eine Beschleunigung der drohenden Krise befürchteten, sich verzweifelt an die Politik Briands klammerten und sich für Weimar und für Locarno erklärten. Damals wurde in Paris die Revue d’Allemagne gegründet, unter dem Einfluß von Jean Giraudoux, Edmond Jaloux, Maurice Boucher, Jules Romains und anderen. Es war eine loyale und aufrichtige Bemühung um Verständnis. Geben wir, sagte man, den Menschen guten Willens der beiden Länder eine Gelegenheit der Zusammenkunft und des Gedankenaustausches, obwohl uns die deutsche Politik damals begründete Sorgen machte.

Unsere Schriftsteller – mit Ausnahme von Maurras, Bainville und den Leuten von der Action Française – bewahrten ihren Glauben an den Frieden, an Europa, an die Republik von Weimar. Sie bekränzten, ehe diese Republik verschwand, noch einmal die Büste Goethes. Das war ihr letzter Gruß. Noch hatte die Jahrhundertfeier des Weisen von Weimar ein starkes Echo in Frankreich; da schwand einige Monate später, mit Hitlers Machtergreifung, die Hoffnung auf eine deutsch-französische Freundschaft am Horizont. Und doch veröffentlichte Jules Romains sein Buch Le Couple France-Allemagne (1935), das seine Besorgnisse, seine Wünsche und seine letzten Hoffnungen widerspiegelte. Ein Buch guten Willens, wenn es je ein solches gab.