Von General Billotte

Der General war während des Krieges Generalstabschef bei de Gaulle. Nach dem Kriege leitete er die französische Militärmission bei den Vereinten Nationen. Aus Protest gegen die Militärpolitik der Regierung schied er. 1950 aus dem Dienst aus und wurde am 17. Juni 1951 zum Abgeordneten der gaullistischen Sammlungsbewegung in die Nationalversammlung gewählt. Er gilt als der Berater de Gaulles in militärischen Fragen.

Alle vernünftigen Leute sind auf die Dauer für eine Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland: zwischen einem Frankreich und einem Deutschland, das fest auf den Beinen steht, nicht einem erniedrigten und geschmälerten Deutschland. Deutschland zerstören zu wollen, ist eine Konzeption der Leidenschaft, ohne jeden Sinn. Deutschland existiert nun einmal – genau wie Frankreich – mit seinen Vorzügen und Fehlern. Es ist ein Teil der europäischen Kräfte, die man zusammenfassen, aber nicht verneinen muß.

Vor allem müssen die Franzosen und die Deutschen begreifen, daß nach den drei letzten Kriegen, die wir uns geliefert haben, Frankreich auf seine Selbsterhaltung bedacht sein muß, um so mehr, als diese drei Kriege drei Invasionen auf französischem Boden waren. Unzeitgemäße Herausforderungen, die der Geist von gestern manchen Unvernünftigen noch immer eingibt, belasten daher die Nerven der Franzosen. Es ist überdies notwendig, daß man sich in unseren beiden Ländern klarmacht, daß sowohl Deutschland wie Frankreich ihre Beiträge zur Zivilisation leisten, daß die beiden Länder verschiedene, aber der Ergänzung fähige Qualitäten besitzen. Daher hat weder das eine noch das andere Land Veranlassung, sich dessen zu rühmen, was es selbst besitzt, und den Mangel des anderen herauszustellen. Das würde das Vorhandensein eines Überlegenheitskomplexes beweisen, der unerträglich ist – es handelt sich nicht darum, dem anderen zu gefallen und sich bewundern zu lassen. Aber ebenso sollte keines der beiden Länder von vornherein mit einem Minderwertigkeitskomplex beginnen.

Zwischen Frankreich und Deutschland kann nicht eine Ehe bestehen, die, sei es von Liebe, sei es von Vernunft inspiriert wird. Die zwischen ihnen bestehende Verbindung ist nicht von einer willkürlichen Wahl diktiert, sondern von der Natur der Dinge selbst: die Verbindung zwischen zwei großen Völkern, einfach weil sie Nachbarn sind. Sie sind zwar verschieden in vielen Hinsichten, aber ähnlich in manchen anderen, sie sind fähig, zusammen Großes zu leisten. Aber überdies sind sie durch die Geographie und durch die Geschichte beide vor die Alternative gestellt: von nun an gemeinsam ihr Schicksal als zivilisierte Völker zu gestalten oder aber, im Falle des Getrenntbleibens, sich höchstens durchzumogeln, vielleicht sogar sich wieder Abenteuern zu verschreiben und dabei unterzugehen. Jedenfalls aber die Verantwortung, die sich ihnen selbst zur Rettung des alten Europas bietet, wenn sie zusammengehen, den anderen Mächten zu überlassen. Das sind die beiden Wege, die ihnen offenstehen.

Im Westen ist es die offizielle Politik der Alliierten, die sich durch allzugroße Zurückhaltung auszeichnet, gleichzeitig widersprechende Ziele erreichen zu wollen. Mit einem Male will man aus dem freien Europa eine politische Einheit machen; aber anstatt das Problem unmittelbar anzupacken und zwischen den verantwortlichen alliierten und deutschen Staatsmännern zu behandeln, bemüht man sich, durch Zwischenschaltung von Sachverständigen den indirekten Weg technischer Konstruktionen zu gehen, wie es die Montan-Union- und die Europäische Armee sind. Man versucht, Deutschland in diese Organisationen mit einzuschließen, indem man so tut, als ob das Problem der Beziehungen zwischen Deutschland und seinen Nachbarn gelöst wäre, und muß zu gleicher Zeit feststellen, daß nicht einmal das Problem der Beziehungen zwischen Ost- und Westdeutschland gelöst ist und daß alles in der Schwabe bleibt, solange das nicht geschehen ist. Man versucht, ein Europa mit Deutschland im Zeichen der Verteidigung der freien Welt aufzurichten, zur gleichen Zeit aber verhandelt man mit der Sowjetunion über die Modalitäten der Wiedervereinigung, was soviel heißt, wie dem guten Willen der Sowjets die Form zu überlassen, in der ein neuer vereinigter deutscher Staat erstehen soll. Diese Beispiele von Widersprüchen – und es gäbe ihrer noch mehr – zeigen, daß zwar das Ziel der Alliierten hervorragend, die Politik, mit der sie es erreichen wollen, aber unzulänglich ist, weil sie weniger durch die Probleme Deutschlands und Europas, als durch die Auseinandersetzung zwischen Ost und West bestimmt ist.

Seit 1945 bin ich der Meinung, daß das deutsche und das europäische Problem ihre gemeinsame Lösung nur in einem deutsch-französischen Bündnis finden können, aus welchem sich viel mehr als ein Vertrag, nämlich ein permanenter Akkord der französischen und deutschen Politik ergeben müßte. Wohlgemerkt, ein solcher Akkord ist so grundlegend, daß er weit über das Niveau der herkömmlichen Konferenzen, der Kommunique-Erfolge, der diplomatisch-juristischen Wortspielerei und der Prestigegewinne der einen oder der anderen Partei hinausgehen müßte. Ein solcher langfristiger Akkord müßte von Staatsmännern besiegelt werden, die für die Dauer das Mandat haben, das Schicksal ihrer Völker zu bestimmen, weil es unerläßlich ist, die physischen Fähigkeiten beider Länder mit der innersten Natur Europas in Einklang zu bringen. Es geht um nichts Geringeres, als um den Zusammenschluß und um die Nutzbarmachung der beträchtlichen Möglichkeiten der freien menschlichen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der westeuropäischen Länder, damit aus Europa von neuem ein dynamisches Element der Atlantischen Union und der modernen Welt wird.