Frankreich hätte die Bildung einer europäischen Agrarunion wohl kaum vorgeschlagen, wenn eine solche „europäische Marktordnung nicht seinen eigenen Interessen entspräche. Es wäre aber zu einfach, allein in dem Wunsch nach sicheren Absatzgebieten den eigentlichen Hintergrund des Pflimlin-Planes zu sehen. Hier lassen sich Frankreichs Ziele wahrscheinlich weitgehend mit den gesamteuropäischen Interessen vereinbaren.

Stärker als in den anderen westeuropäischen Ländern gehört die Landwirtschaft in Frankreich zu den bestimmenden Faktoren des Wirtschaftslebens. Die Hälfte der Bevölkerung lebt in Gemeinden von weniger als 2000 Einwohnern, und ein Drittel aller „arbeitstätigen“ Franzosen ist in der Landwirtschaft beschäftigt. In der Nachkriegszeit sind nun Pläne entstanden, wonach die französischen Bauern in die Lage versetzt werden sollten, nicht bloß 40, sondern bis zu 100 Millionen Menschen zu ernähren. Das Haupthindernis ergab sich aus der vorsichtigen, ja mißtrauischen Haltung der Bauernschaft, deren Wohlstand sich in den Mangeljahren des letzten Jahrzehnts neu fundiert hat. Solange der französische Bauer nicht die Gewißheit besitzt, daß er auch in guten Erntejahren seine gesamte Erzeugung zu einigermaßen günstigen Bedingungen absetzen kann, entschließt er sich nicht zu größeren Anstrengungen und ist nicht gewillt, sein Geld in Maschinen und Kunstdünger zu investieren. In die vom eigenen Staat gegebenen Absatzgarantien setzt er kaum Vertrauen, zumal da seine Verbände jedes Jahr mit den Behörden um den „wirtschaftlich angemessenen Preis“ feilschen müssen. Nur die Schaffung eines einheitlichen europäischen Marktes wäre – nach Ansicht der französischen Sachverständigen – geeignet, in die Bauernschaft die erforderliche „Produktionsbegeisterung“ hineinzutragen.

Der Pflimlin-Plan könnte nach Ansicht seiner Urheber und auch seiner Befürworter eine wirkungsvolle Waffe im Kampfe gegen den bäuerlichen Protektionismus in Frankreich sein, Der Landwirtschaft gelang es immer wieder, sich gegen jede ausländische Konkurrenz schützen zu lassen. Die Abkapselung des heimischen Marktes ist weitgehend für die mangelnde Leistungsfähigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe verantwortlich. Sie ließe sich nur durch eine europäische Marktvereinheitlichung sprengen.

Über die von Frankreich zur Verwirklichung der Agrarunion erwogenen Methoden wurde bisher nur wenig gesagt. In loser Anlehnung an den Schuman-Plan denkt man an die Schaffung einer „Hohen Behörde“, weil man glaubt, auf andere Weise den Widerstand der nationalen Interessengruppen nicht überwinden zu können; ohne Souveränitätsverzicht erscheint auch eine europäische Integration nicht vorstellbar. Innerhalb eines solchen Rahmens möchte man sich jedoch auf unbestimmte Zeit recht viel Bewegungsfreiheit offenhalten. Man unterscheidet zwischen dem „Fernziel“, das von Anfang an von allen Beteiligten als endgültig gebilligt werden soll, und den „Sofortmaßnahmen“, die in verhältnismäßig lockerer Form langsam und schrittweise die europäische Bauernschaft an die Marktvereinheitlichung heranzuführen hätten. In einer (zeitlich noch nicht begrenzten) Übergangsperiode wären die Vollmachten der Hohen Behörde gering. Ihre Hauptaufgabe bestünde darin, durch finanzielle Maßnahmen und sonstige „konstruktive Vorschlage“ einheitliche Produktionsbedingungen innerhalb der europäischen Gemeinschaft herzustellen. Im Vordergrund steht das eindeutige Bestreben, den Bestand der europäischen Bauernschaft zu wahren und ihr jede soziale Umwälzung zu ersparen. Sofern aus Konkurrenz- und Rentabilitätsgründen nationale Bauernbetriebe auf die eine oder andere Produktion verzichten müssen, wäre es nach den französischen Vorstellungen unbedingt erforderlich, ihnen ihre Existenz auf andere Weise zu sichern – „Besondere Grenzfälle“ würden „selbstverständlich Berücksichtigung finden“. In diesem Zusammenhang heißt es, daß für Obst und Gemüse die Marktvereinheitlichung erst in einem letzten Stadium vorgesehen sei.

Die Gegenkräfte gegen den Pflimlin-Plan in Frankreich stehen meist außerhalb der Landwirtschaft. Sie kristallisieren sich hauptsächlich um Lebensmittel-Handel und -Industrie, die dabei von der Mehrheit der gewerblichen Unternehmer gestützt werden. Man befürchtet in deren Lager nämlich die weiteren Auswirkungen der Agrarunion auf das gesamte Zoll- und Außenhandelssystem, insbesondere die Folgen für den französischen Waren Verteilungsapparat, der, in seiner jetzigen Form, einer Marktvereinheitlichung nicht standhalten könnte – wahrscheinlich ebensowenig wie die Monopolstellung weniger, sehr einflußreicher französischer Firmen im Ein- und Ausfuhrhandel.

Auch von Frankreich her stellt sich die Frage, ob eine auf die Agrarwirtschaft beschränkte Marktvereinheitlichung überhaupt noch sinnvoll sei. Im stillen trägt sich dabei wohl mancher mit der Hoffnung, man könne durch die Verhandlungen über die Agrarunion die gesamte europäische Wirtschaft „mitziehen“. Die Landwirtschaft wünscht den einheitlichen Markt für Maschinen und Düngemittel, die sie zur Zeit teuerer bezahlen muß als ihre ausländische Konkurrenz. Immer stärker macht sich schließlich die These geltend: es habe keinen Sinn, die Handelsschranken zu beseitigen, wenn man die Devisenkontrollen bestehen lasse. Die Agrarunion könnte eventuell zu dem entscheidenden Kernstück der europäischen Wirtschaftskonstruktion werden; vielleicht aber auch wird sie überflüssig werden: gleichsam „eingeschmolzen“ nämlich in eine umfassendere Organisation der europäischen Zusammenarbeit. Alfred Frisch, Paris