Zunehmendes Interesse für moderne Wohnkultur

Von Walter B. Bing, Paris

Wie alle vom Krieg betroffenen Länder leidet Frankreich unter dem Wohnungsmangel. Zwar waren die Zerstörungen an Wohngebäuden, durch direkte Kriegseinwirkungen relativ gering. Immerhin sind in einer ganzen Reihe größerer Städte (so Orleans, Amiens, Le Havre und Straßburg) ganze Wohnviertel vernichtet worden (total zerstört 425 575, beschädigt 1,506 Mill. Wohnungen).

Die Wohnungsnot, zum Teil durch effektive Zerstörungen und die Unterbrechung der Neubautätigkeit bedingt, reicht aber mit ihren tieferen Ursachen bis weit in die Zeit vor dem Kriege zurück. Schon in der Zeitspanne zwischen den beiden Weltkriegen, als die Hausbesitzer die Miete noch als einigermaßen stabile Rendite betrachten konnten, wurde zu wenig, zu unrationell, zu teuer gebaut. Jahrelang standen in den eleganten Vierteln von Paris viele Neubauwohnungen leer, weil sich niemand fand, der die geforderten Mieten hätte bezahlen können. Noch heute sind von den rund 1,2 Mill. Einzelbehausungen in Paris 30 v. H. (z. T. provisorisch erstellte) Einzimmerwohnungen, weitere 30 v. H. Zweizimmerwohnungen und nur 5 v. H. Sechs- oder Mehrzimmerwohnungen. Die restlichen 34 v. H. entfallen auf die Kategorie, an der heute noch notorischer Mangel (nicht nur in Paris, sondern in allen Städten Frankreichs) herrscht: nämlich auf die Drei- bis Fünfzimmerwohnungen.

Aber moderne Wohnungen sind teuer

Die Dezentralisierung der französischen Industrie wie auch die Landflucht in der Provinz haben eine Umschichtung der Wohnstruktur zur Folge gehabt. Vor dem Krieg bildete das Ein- oder Zweifamilienhaus, mit bis zu zwei Stockwerken, den bevorzugten Typ nicht nur für das Eigenheim, sondern auch für die einfache Mietwohnung. Mit der stärkeren Zusammenballung der Bevölkerung in einigen Zentren war es nicht mehr möglich, bei dieser individuellen Bauweise zu bleiben. Die instinktive Abneigung des Durchschnittsfranzosen gegen kollektives Wohnen hat aber bis in das letzte Jahr hinein die Verwirklichung „großzügiger“ Städte-Neubauplanungen (z. B. in Orleans und Le Havre) erschwert und verzögert. Der Mieter mußte erst zu sachgemäßem und hygienischem Wohnen „erzogen“ werden; das war schwierig: weil eben solche modernen Wohnungen teurer sind ...

Freilich darf man nun nicht, wie das heute noch vielfach in Deutschland geschieht, die junge französische Generation, die den Hauptanteil der 19 Millionen Werktätigen in Stadt und Land bildet, für ebenso unbelehrbar in wohnungswirtschaftlichen Fragen halten, wie den französischen Arbeiter, Bauern und Mittelständler aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ... Daß seit der „Libération“ nicht genügend Wohnunger. gebaut wurden, war eines der schwersten sozialpolitischen und wirtschaftlichen Versäumrisse, deren sich die bisherigen Regierungen schuldig gemacht haben. Für jeden, der die Bevölkerung wirklich kennt und richtig einschätzt, unterliegt es keinem Zweifel, daß – falls nur genügend neue Wohnungen verfüglich wären – selbst bei Erhöhung der künstlich niedriggehaltenen Mieten auf den derzeitigen Teuerungsindex (2500 der Friedenszeit) zahlreiche Anwärter auf wirklichen Wohnungskomfort vorhanden wären und jedenfalls mehr, als vor dem Kriege. Die Erfahrungen des letzten Jahrzehnts und die Einwirkungen der Bevölkerungs- und Sozialpolitik der Nachkriegszeit haben auch das „wohnungshygienische Denken“ der französischen Arbeiter und Angestellten, der Beamten, ja selbst eines Teiles der fortschrittlich eingestellten französischen Bauernschaft gewandelt. Die Trinkfreudigkeit ist geringer, Sport, Wandern und Reisen sind Allgemeingut eines Volkes geworden, das auf gesunde Kinder und hygienische Wohnverhältnisse mehr Wert zu legen beginnt, als auf Schlemmen, Glücksspiel und ähnliche Vergnügungen der Väter und Großväter ... Der Staat hat dazu verholfen, daß der Geburtenrückgang der Jahrhundertwende und der Nachkriegsepoche der dreißiger Jahre durch Beihilfen an Jungvermählte, durch Schwangerschaftszulagen und Kinderprämien in einen Geburtenüberschuß verwandelt wurde, der – zwischen 1949 und 1951 – jährlich 300 000 Köpfe erreichte. Durch den Auf- und Ausbau einer (trotz Bürokratisierung des Verwaltungsapparates) als vorbildlich empfundenen staatlichen Sozialversicherung hat sich der allgemeine Gesundheitszustand zusehends verbessert, die Lebensdauer der städtischen Bevölkerung verlängert und die Säuglingssterblichkeit vermindert. Die Ersparnisse des Kaufmanns wie des Landwirtes werden jetzt mehr und mehr zur effektiven Verbesserung eines Lebensstandards verwendet, der erstmals auch das Streben nach ansprechendem und gesundem Wohnen einbegreift.