Von Henry Magnan

Dank meinem Bedürfnis nach Erkenntnis hat es mir mein Leben lang einen tollen Spaß gemacht, zu arbeiten!“ Dies sagte Louis Lumière. Seit dem Tage, an dem er in der Rue de Rennes zu Paris seinen ersten Film vorführte, hat die Frucht seiner Arbeit auch uns einen „tollen Spaß“ gemacht. Es war der 20. März 1895. Dieser Tag bedeutet die Geburt des französischen Kinos.

Aber wie es den Erfindern häufig geschieht, daß sie lange verkannt bleiben, so fanden auch die Pioniere des Kinos erst mit der Zeit eine größere Aufmerksamkeit. So war es mit dem genialen Méliès, einem frühen Magier der Filmtricks; so war es mit Emile Cohl, der frühzeitig im Zeichenfilm die Wege entdeckte, die andere nach ihm mit mehr Erfolg beschritten. Leider begann man in den ersten Tagen des Films Schauspieler zu photographieren, die in die Comédie-Française gehörten, aber nicht vor eine Filmkamera, wenn sie auch Monnet-Sully, Albert Lambert oder sogar Sarah Bernhardt hießen. Wir Franzosen besaßen zwar ein neues Instrument, aber wir hörten nicht auf unsere frühen Meister, und so standen England, Italien und Amerika im Begriffe, uns zu überflügeln. Unsere Filmproduktion während des ersten Weltkrieges war nichts wert: sie machte die am wenigsten künstlerische, aber künstlichste Spielart von Postkartenpatriotismus handelsfähig.

Nach dem Kriege lief der französische Film dann große Gefahr, die Rezepte des Auslandes zu kopieren. Zum Glück gab es damals Louis Delluc, unseren ersten Filmkritiker, der unaufhörlich wiederholte: „Das französische Kino muß französisch und – Kino sein!“ So traten 1922 die leidenschaftlichen Wegbereiter an: . Abel Gance, Marcel L’Herbier, Germaine Dulac, Epstein, Jean Vigo und andere. Und ebenso wie man erwähnen muß, daß Skandinavien und Deutschland eine Zeitlang einen lebhaften Einfluß auf dem Gebiet der Filmproduktion ausübten, müssen auch die Namen genannt werden, die in Frankreich mit der stürmischen Entwicklung des abstrakten Films verknüpft sind: Fernand Weger, der Spanier Louis Bunuel, der in Paris lebhaft gefördert wurde, und René Clair. Und doch! Als dann die Russen – Dziga Vertov, S. M. Eisenstein, Pudowkin oder Dowjenko – den Stummfilm zu seiner höchsten Vollendung brachten, als die deutsche Schule sich mit den Erfolgen von Fritz Lang, Robert Wien, F. W. Murnau und Pobst brüsten konnten, als Chaplin und Erich v. Stroheim mit feurigen Lettern ihre Adelstitel an den Tempel des Films schrieben, hatten wir in Frankreich den Stil einer uns eigenen französischen Schule tatsächlich noch nicht gefunden. Eine Ausnahme machte nur René Clair. Er war es, der schließlich mit seinem ersten Tonfilm („Sous les Toits de Paris“, 1930) die Aufmerksamkeit der Welt auf den französischen Film lenkte. Und dann kam Jean Renoir, der, ausgestattet mit dem Malerauge seines Vaters, begriff: „Der Mensch ist – mehr noch als seiner Rasse – der Erde tributpflichtig, die ihn nährt, der Lebensweise, die seinen Körper und Geist formt, und der Umwelt, die den lieben langen Tag vor seinen Augen vorüberzieht.“ Er schuf seinen Film „Folies de Femmes“, von dem Stroheim sagte: „Dieser Film verblüffte mich. Ich mußte ihn mir zehnmal ansehen ...“ Und Renoir erwiderte: „Angeregt durch die Bilder meines Vaters studierte ich die französische Geste immer wieder ... Ich erkannte die Möglichkeit, das Publikum durch die Darstellung authentischen Stoffes in der Tradition des französischen Realismus zu packen.“

Dieser Ausspruch Jean Renoirs ist der Schlüssel für jenen großen Zeitabschnitt des französischen Films, der neun Jahre dauerte. Mit seinen Filmen „La Chienne“, „Toni“, „Les Bas-Fonds“, „La Bête Humaine“, „Le Crime de Monsieur Lange“, „La Grande Illusion“, „La Marseillaise“ und „La Regle du Jeu“ eilte Jean Renoir von Erfolg zu Erfolg. Und zur selben Zeit begannen Marcel Carné, Julien Duvivier, Jacques Feyder, später auch Jean Grémillon – um nur die wichtigsten zu erwähnen – sich mit denselben Themen, die freilich durch die Prismen ihrer eigenen Sensibilität widergespiegelt wurden, in der internationalen Spitzenklasse durchzusetzen. Eines ist allen gemeinsam: ihr Bestreben, das Interesse des Zuschauers für Geschichten zu wecken, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit erzählt werden, wenn sie zumeist auch .imaginär sind, indem stets die Notwendigkeit berücksichtigt wird, die Kamera dort aufzustellen, wo sie nur im Sinne eines reinen Filmstils verwendet wird. Für diese Regisseure ist das Kino weder Malerei, Literatur, Musik noch ein Gemisch glänzender Wortgefechte. – Zehn Jahre, bevor sich dieses Bemühen um eine reine Kunst in Frankreich voll entfalten konnte, hatte Germaine Dulac bereits geschrieben: „Der Film ist eine Kunst, die allein bleiben und sich an der Seite der sechs anderen Künste stolz entfalten muß. Er braucht bei ihnen keine Anleihe zu machen.“

Dieser Satz bewährte sich in den Jahren 1931 bis 1940 vortrefflich. Damals boten in Frankreich außergewöhnlich begabte Regisseure ihre vom strengsten wie vom gutmütigsten Publikum geschätzten „Geschichten“ dar, wobei sie keine der neuen technischen Möglichkeiten vernachlässigten. Sie wurden von guten Bühnenbildnern und Autoren von Ruf unterstützt. Unter ihnen Henri Jeanson, André Cayatte, Jacques Prévert, Charles Spaak, Jean Aurenche, Pierre Laroche, Marcel Achard, Pierre Very, Alexandre Arnoux und Sacha Guitry, der selbst auch als Regisseur hervortrat. Dazu kamen talentierte Kameraleute wie Roger Hubert, Philipp Agostini, Christian Matras, Georges Périnal, Schufftan, Henri Alekan, Louis Page und Armand Thirard, um nur diese aufzuführen. Es ist unmöglich, die lange Liste ihrer Meisterwerke aufzustellen,

Der zweite Weltkrieg hat viele der besten französischen Regisseure in alle Winde zerstreut; aber er hat – nach der Redensart „Selbst das Unglück hat sein Gutes“ – auch neuen Kräften eine Chance gegeben. Louis Daquin, G. H. Clouzot, Jean Delannoy, Jacques Becker, Claude Autant-Lara, Christian Jaque und Robert Bresson. Aber auch Garne und Gremillon, die schon berühmt waren, ruhten sich keineswegs aus, wie sie mit den Filmen: „Les Visiteurs du Soir“, „Les Enfants du Paradis“ mit „Lumière d’Eté“ und „Le Ciel est à vous“ bewiesen haben,