Von Wilhelm Flitner

Ein großer Kreis wird an diesem Tage Sprangers gedenken; ist er doch als Philosoph wie als Pädagoge ein überaus erfolgreicher Lehrer, durch seinen klaren Stil als wissenschaftlicher Schriftsteller weithin bekannt, als Forscher wirksam in viele Zweige der Wissenschaft hinein. Seine Ideen und geistigen Impulse sind überallhin gedrungen, meisterhaft durchgearbeitete Vorlesungen von allen Fakultäten aufgesucht worden.

Gebürtig aus Berlin, noch aufgewachsen im geistigen Klima des wissenschaftlichen Jahrhunderts, im Gymnasium zum grauen Kloster, in der Universität, welche Humboldt begründet hat, lehrte er zuerst in Leipzig, dann lange Zeit in Berlin auf dem Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik, nach dem zweiten Weltkrieg an der Universität Tübingen. Viele Studentengenerationen hat er in die Welt des deutschen Geistes eingeführt – in die Sphäre Kants und Hegels, in die Weltanschauung Humboldts und Goethes, in die pädagogischen Ideen von Pestalozzi und Fröbel. „Fünf Jugendgenerationen 1900–1949“ heißt eine seiner letzten Studien. Darin schildert er den Wandel des Gegenüber, das er in seiner akademischen Lehrtätigkeit gehabt hat: erst die wissenschaftlich gesonnenen Studenten vor 1914, dann die Typen der „eigentlichen“ und „uneigentlichen“ Jugendbewegung, danach jene Generation, die nicht mehr diskutierte (und sich ihrem Lehrer derart entfremdete, daß er 1933 sein Amt zur Verfügung stellte mit der Begründung, er habe mit dieser Jugend keinen Kontakt mehr); zuletzt das Geschlecht, welches 1946–1949 „unter tragischen Umständen studiert“ hat, dem er aber das folgende Zeugnis ausstellt: „Wenn ich aus der Erfahrung von 40 Jahren am Ende dieser Wanderung durch fünf Generationen bekenne, daß die studierende Jugend von 1945 bis 1949 die ernsteste und beste war, der ich je begegnet bin, so stehe ich in meinem Urteil nicht allein. Von allen Universitäten und von fast allen Studienfächern her habe ich das gleiche Urteil gehört – meist in der präziseren Fassung: wenig Wissen, aber edelste menschliche Substanz.“

Die frühere Jugendpsychologie suchte ein zeitloses Bild des Kindes und aufwachsenden Menschen sowie Erkenntnis seiner Wachstumsgesetze zu erlangen. Beim Kleinkind war dieses Bestrebenerfolgreich. Seit Preyer und William Stern hat die Forschung ein Bild von den ersten Entwicklungsjahren, das für alle Völker und Zeiten in seinen Hauptzügen gültig sein dürfte. Sobald aber der wachsende Mensch zum Verständnis kultureller Sachverhalte gelangt und damit selbst in die historische Welt eintritt, läßt er sich nicht mehr übergeschichtlich verstehen. Den Jugendlichen der Reifezeit vor allem muß. man aus seiner geschichtlichen Welt heraus verstehen; seine Situation wird durch das Geistesleben und die gesellschaftlichen Verhältnisse der Erwachsenen bedingt. In eine solche Beleuchtung hat Spranger in seiner „Jugendpsychologie“ die Entfaltung des jungen Menschen gestellt. Auch er versucht zu allgemeinen Einsichten in die Stadien des Jugendlichen zu gelangen, aber er ist sich bewußt, daß er die Jugend einer bestimmten Sozialläge und einer begrenzten Epoche vor sich hat. Gerade durch dieses Bewußtsein ihrer geschichtlichen Grenzen sind seine Beobachtungen so wichtig und werden bei aller Abstraktion so bildhaft. Auch das Buch über die „Lebensformen“, eine psychologische Typenlehre, ist ein Meisterstück in der Handhabung dieser „geisteswissenschaftlichen“ Methode der Seelenforschung.

Was Eduard Sprangers Philosophie betrifft, so beruht ihre Wirkung auf der Kunst des Auslegens bedeutender Texte, der großen philosophischen Konzeptionen von Kant, Hegel, Goethe. Damit verbindet er die Kunst, kulturelle Phänomene zu analysieren. Es ist eine falsche Vereinfachung, wenn in den Nachschlagebüchern Eduard Spranger als Kulturphilosoph oder Kulturpädagoge eingeschachtelt erscheint; es handelt sich hier um die Analyse des Menschen, die nicht möglich ist ohne eine bessere Analyse dessen, was man den „objektiven Geist“ oder „die Kultur“ nennt und die Bedingung ist für die subjektive Kultur des einzelnen, in der die sittlichen Phänomene auftreten und das zentrale, eigentlich Menschliche beginnt. Mit der Aufhellung dieses Eigentlichen, der Humanität, hat es Sprangers philosophisches wie pädagogisches Forschen immer zu tun.

Durchaus gehört er damit unter die bedeutendsten Philosophen unserer Zeit. Die deutsche Philosophie ist in den letzten Jahrzehnten überhaupt analytisch. Sie bringt nicht mehr Systeme hervor, welche Schulen bilden, sie lehrt vielmehr das Philosophieren. Ihre Meister schreiben nicht in dem Bewußtsein, die Wahrheit zu besitzen und schulgerecht darstellen zu sollen. Die hervorragenden unter ihnen sind „Mäeutiker“, sie führen ein; sie helfen ihren Schülern, Lesern, Zuhörern, den Standort des Philosophierenden selber zu gewinnen. Dies gilt für Eduard Sprangers philosophisches Bemühen ganz besonders. Man wird ihn nur schwer einer Schule eingliedern können, so wichtig es ist, daß er Wilhelm Dilthey die entscheidenden Impulse verdankt. Die Hauptsache sind scharfsinnige und klar vorgetragene Analysen. Die Wahrheit wird nicht als ein fester Besitz dogmatisch gelehrt, sie wird von einzelnen Problemen aus sichtbar gemacht. Man gewinnt Durchblicke, sieht Zusammenhang, lernt unterscheiden. Vor allem aber wird der Punkt deutlich, an welchem das Welthaft-Zugängliche verbunden ist mit Wirklichkeit, die das Welthafte übersteigt und umgreift, die metaphysisch und doch nicht adäquat erkennbar, sondern nur zu ahnen ist. Mit dieser Weise des philosophischen Lehrens wird die Grundlage der menschlichen Existenz des Philosophierenden aufgehellt. Obwohl Eduard Spranger die Sprache der Existenzphilosophie vermeidet, überhaupt keine Schulsprache angenommen hat, berührt er sich mit den anderen führenden Denkern der Gegenwart darin, daß sein Philosophieren die Selbstvergewisserung ist. Eine gesittete Welt, eine höhere Kultur des Menschen erhält sich gegen alles Niederziehende aufrecht. Es handelt sich um die Philosophie der Humanität.