Pinays wertbeständige Anleihe soll „das Gold aus dem Strumpf holen“

Am 20. Mai hat die französische Nationalversammlung die Gesetze verabschiedet, die es der Regierung Pinay erlauben, eine an den Goldkurs geknüpfte Anleihe aufzulegen – zu so günstigen Bedingungen für die Zeichner, wie sie die Finanzgeschichte wohl keines Landes je gekannt hat. Im allgemeinen braucht die Regierung nicht die Genehmigung des Parlaments, wenn sie eine Anleihe aufnimmt; die besonderen Modalitäten der Goldanleihe Pinays aber erforderten die Abänderung einiger Gesetze. Denn die neue Anleihe ist nicht nur an den Goldkurs geknüpft; ihre Titel sind auch steuerfrei und unpfändbar. Ferner hat sich der Staat jedes Rechtes begeben, sie vor dem 1. Juni 1960 zu konvertieren. Die Anleihe ist im Laufe von 30 Jahren zu tilgen und die Anteile sind, je nach dem Wunsch des einzelnen Zeichners, auf den Namen oder auch auf den Besitzer ausgestellt.

Der Zins beträgt allerdings nur 3 1/2 v. H., während frühere Emissionen mit einer Rente von 5 v. H. ausgestattet waren. Auch sind die Zinserträge nicht durch die Goldklausel geschützt – im Gegensatz zum Kapitalwert. Aber die Zinsen der früheren Emissionen waren eben nicht von der Einkommensteuer befreit. Auch ist bei der neuen Anleihe der Kapitalwert selbst der Erbschaftssteuer nicht unterworfen; Vermögenssteuern kennt das französische Fiskalsystem ohnehin nicht.

Preisindex-Klausel vorteilhafter?

Der Kapitalwert ist an den Kurs des Louisdor (Napoleon) geknüpft. Als Ausgangspunkt wurde die Notierung 4000 ffrs. zugrunde gelegt. Sie entspricht seinem Kurs am letzten Börsentage vor Auflegung der Anleihe, die am 26. Mai erfolgte. In den Tagen der stärksten Hausse – Anfang März – hatte er 6000 ffrs. erreicht. Sollte der Preis des Napoleon fallen, so ist der Staat dennoch gezwungen, die Anleihetitel zum Kurs von 4000 zurückzunehmen, da die Besitzer – nicht nur die Zeichner – das Recht haben, Steuern jeder Art mit Anleihetiteln auf Grund dieses Kurses zu bezahlten. Infolgedessen kann er auch an der Börse nicht unter pari fallen. Steigt der Goldkurs dagegen so macht die Anleihe seine Entwicklung automatisch mit. Allerdings nicht die Fluktuationen jedes Tages: der Preis wird zweimal im Jahr nach dem Durchschnittskurs der letzten 6 Monate festgesetzt. Die Bezahlung der gezeichneten Beträge kann in bar erfolgen, sowie mit allen seit 1944 ausgegebenen Anleihen oder Schatzanweisungen (mit den älteren Emissionen jedoch nur, wenn der Zeichner nachweisen kann, daß die Titel bereits am 1. Januar 1946 in seinem Besitze waren). Zahlung in Gold und Devisen – die am meisten erwünschte – kann aus juristischen Gründen nicht unmittelbar erfolgen; ein Sonderdienst der Banken besorgt den Eintausch zum Zweck der Anleihezeichnung.

Das sind die Bedingungen der Goldindex-Anleihe Pinays, deren Prinzip in Frankreich weniger umstritten ist als ihre Modalitäten. Eine völlige Amnestie für alle vor 1952 begangenen Steuerhinterziehungen (soweit sie nicht schon entdeckt sind...) war ihr schon im April vorausgegangen. Diese Amnestie, moralisch äußerst anfechtbar, sollte dazu dienen, die Besitzer versteckter Guthaben zur Anleihezeichnung zu ermutigen.

Der Gedanke an eine Indexanleihe zur Finanzierung der staatlichen Investierungen (Wasserkraftwerke, Modernisierung des Bergbaus, der Eisenbahnen usw.) war schon im vorigen Jahre aufgetaucht. René Mayer als Finanzminister der Regierung Pleven und Edgar Faure, der als Ministerpräsident sein eigener Finanzminister war, haben sie aus zwei Gründen verworfen: weil sie die nationale Währung um ihre Rolle als „Standard“ bringe, an dem sich alle Warenwerte messen – und, weil sie für die Zukunft jede Emission ohne Goldindex unmöglich mache. In Frankreich ist die Gold- oder Devisenklausel für die Privatwirtschaft verboten; jeder Vertrag, der sie enthält, ist rechtsungültig. Aber nun kann ein Anhängen von Privat vertragen an den Kurs der Pinay-Anleihe nicht untersagt werden! Würde diese Übung um sich greifen, so käme das einer völligen Entthronung der Währung gleich.