Von Emile Henriot, Académie française

Seit gut fünfundvierzig Jahren habe ich unaufhörlich gelesen. Nicht daß ich mich dessen rühmen wollte, aber da es sich hier darum handelt, eine literarische Bilanz eines halben Jahrhunderts zu ziehen, ist es immerhin ein Vorteil, daß ich ein ständiger Zeuge gewesen biß. Denn dies gibt mir wohl das Recht, zu sagen, daß ich das Gefühl habe, in einer schönen, fruchtbaren und sehr lebhaften literarischen Epoche gelebt zu haben. Was wird davon bleibend sein? Darüber wird die Zukunft das letzte Wort sagen. Vielleicht, daß man sich dereinst über unsere Begeisterungen und Geringschätzungen wundert. Aber ist dies nicht immer so? Von dem riesigen Werk Voltaires ist schließlich nur „Candide“ und „L’Ingénu“ geblieben, Werke, die er selbst für schwach hielt. Wir Zeitgenossen können es höchstens wagen, eine charakteristische Tatsache festzustellen: die Kontinuität der französischen Literatur.

Sie hat zwei Kriege überdauert, ohne daran zu verderben. Der Krieg von 1914 hat, obwohl so viele Intellektuelle fielen, die Weiterentwicklung unserer Literatur nicht verhindert. Die Folgen der Niederlage von 1940 und der geistigen Revolution, die sich anschloß, mochten allerdings gefährlicher für die literarische Produktion erscheinen. Das Haus war uns über dem Kopf eingestürzt. Und dennoch erhob sich unsere Literatur schnell wieder aus dem Schutt. Sie hat dabei vielleicht an künstlerischer Qualität verloren, nicht aber an kritischer Kraft, an Macht der Phantasie, nicht am Wert der Aussage.

Der Anfang unseres zwanzigsten Jahrhunderts war durch die Werke von France, Barrès, Bourget gekennzeichnet, die auch heute noch gelesen werden. Der Roman von Anatole France „Die Götter dürsten“ stammt aus dem Jahre 1912. In derselben Zeit entstanden aber auch jene Meisterwerke einer anderen Kunst: nämlich die „Enge Pforte“ von André Gide und „Du côté de eher Swann“ von Marcel Proust. Die Aufnahme, die den einen wie den anderen Werken zuteil wurde, beweist nur, daß die Epoche eklektisch war und den Zank und die Scheidung der Generationen noch nicht entdeckt hatte; sie beweist außerdem, daß es in jeder Epoche Zeitgenossen verschiedenen Alters gibt.

Schon vor dem ersten Weltkrieg, um das Jahr 1910, hat die Gruppe der Nouvelle Revue Française das Bedürfnis nach geistiger Erneuerung gezeigt, die Abneigung gegen jede Konvention, die Sehnsucht nach einer totalen psychologischen Wahrheit und einer totalen Befreiung von traditionellen Kunstformen. Unter dem Einfluß von André Gide und seinen Freunden konsolidierte sich für lange Zeit die Macht der Nouvelle Revue Française,die gelegentlich ernst und systematisch Scherbengerichte über diejenigen hielt, die nicht dazugehörten. Aber man hat noch niemals, auch nicht in der Literatur, eine Linkspartei erlebt, die nicht in sich wieder einen linken extremen Flügel gehabt hätte. Das war zunächst der Fall mit Apollinaire, dem Erfinder und Theoretiker des Kubismus, der dann zum Großvater des Surrealismus avancierte, und der heute klassisch ist.

Die Kritik hat das Schlagwort von der lebendigen Kunst“ erfunden, um die neueste Kunst der alten, angeblich toten gegenüberzustellen und für diejenigen Platz zu schaffen, die zuletzt gekommen sind. Diese „lebendige“ Literatur wirkte zunächst in den Cafés und in den Zirkeln, in den kleinen Zeitschriften der Avantgardisten. Sie wirkte nicht unmittelbar auf das Publikum. Und so interessant und wichtig ihr Beitrag auch war – ihr Einfluß war indirekt. Im Publikum fand der Dadaismus nur heftige Ablehnung, bis sich daraus der Surrealismus entwickelte, der, ohne Meisterwerke produziert zu haben, dennoch den Geist einer neuen Generation mitgeprägt hat. Es ist am Platze, glaube ich, auf ein für unsere Zeit besonders bezeichnendes Phänomen hinzuweisen, nämlich auf diese Einwirkung von Literaten auf andere Literaten, wobei die ersteren – systematischer veranlagt und weniger darauf bedacht, gelesen zu werden als darauf, die kleinen Zirkel zufriedenzustellen – das Publikum dazu zu bringen vermochten, daß es die Elemente einer wertvollen und berechtigten Neuheit akzeptierte. Man stellt hierin eine Wirkung des Gleichgewichtsgesetzes fest, das in Frankreich, und zwar in jeder Epoche, unsere hauptsächliche Konstante ist. Denn was sollte sonst dieses berühmte französische Gleichgewicht sein, über das die ganze Welt staunt, wenn es nicht, unter so vielen verschiedenen Richtungen, zwischen der schärfsten Tendenz der Bewährung und dem schärfsten Geist der Revolution die Mitte darstellte zwischen Flut und Ebbe, wo die Schöpfungen gedeihen, die allen verständlich sind?

Von unserer Epoche wird man sagen, mehr als von anderen, daß sie eine Zeit der Auseinandersetzung, des Suchens und des Versuchens war, und daß sich daraus ihr ganz besonderer Charakter ergeben habe. Andere Jahrhunderte waren schöpferischer: das 16. erfand den Humanismus; das 17., in dem Racine sich mit Descartes traf, hat den französischen Rationalismus begründet; das 18. ist philosophisch, das 19. lyrisch und, als Reaktion darauf, naturalistisch. Das 20. Jahrhundert aber, zumindest soweit wir es schon beobachten konnten, ist wesenhaft kritisch. Und das läßt sich selbst noch bei jenen unseren neuesten Romanciers feststellen, die niemals mehr Talent entwickeln, als wenn sie den Glauben, die Ideen und die Gefühle ablehnen und auflösen. Wenn ich zurückblicke und zum Zweck dieser Bilanz die Etappen prüfe, durch die wir gegangen sind, so glaube ich gerade in der kritischen Kategorie die wichtigsten Ergebnisse des modernen französischen Geistes entdecken zu können.