Die französische Wirtschaft ist heute noch wie zur Zeit Colberts weitgehend beherrscht von den Ideen der Selbstversorgung, des Protektionismus und des Beharrens auf einer (nur oberflächlich gewandelten) Zunftordnung; dem entspricht die vielverbreitete Abneigung gegen Neuerungen. Unternehmer und Arbeiter haben die Schutzprinzipien konsequent zur Beschränkung von Produktion und Produktivität organisiert, um die Erträge hoch zu halten. Billige Importe, so fürchtet man, würden die heimische Industrie gefährden und zur Arbeitslosigkeit führen. Auch der Handel sieht seine Aufgabe vielfach darin, die „geschützten“ Preise bei billigen Importen durch höhere Handelsspannen zu erhalten. An dieser – auch in Deutschland verbreiteten – massiven Mentalität Scheitern nur zu oft die „revolutionären“ Bemühungen schnell wechselnder Regierungen, durch Rationalisierung und Leistungssteigerung eine Expansion herbeizuführen.

Nun konnte Frankreich zur Jahrhundertwende noch als autarkes Land gelten; seither aber hat sich der Zuwachs an landwirtschaftlicher Produktion immer mehr nach Nordafrika verlagert, hat die wachsende Nachfrage den Bedarf an ausländischen Roh- und Halbfabrikaten (zu steigenden Preisen) ständig erhöht. Seit den 20er Jahren zeigen sich die Folgen des Protektionismus in einer Schrumpfung des Anteils von Fertigwaren im Ex- und Import, was zur Unterversorgung mit billigen Konsumgütern, zu steigenden Lebenshaltungskosten und sinkendem Lebensstandard führte. Unter dem Druck der daraus entstehenden sozialen und politischen Krisen hat man bisher nur den einen Ausweg gefunden, finanzpolitische Manipulationen anzuwenden und sie durch Import-Restriktionen (zur Einsparung von Devisen) zu ergänzen. So rettete man das System der „Mangelwirtschaft“, des beschränkten Wettbewerbs und der geschützten Märkte seit 30 Jahren durch Inflation – und Einschränkungen. Heute hat sich die Produktion der Gesamtindustrie um 40 v. H. gegenüber 1936 erhöht, aber nicht auf den Gebieten der Ernährungswirtschaft oder bei Konsumgütern, sondern hauptsächlich bei der Schwerindustrie, im Maschinenbau und in der Energiewirtschaft.

Eine kritische Wohnungsnot, zusammen mit überteuerten Produktionskosten bei Nahrungsmitteln und Konsumgütern und verankert an dem Prinzip des „Wohlfahrts-Staates“ muß notwendigerweise zu ständigen Verteuerungen führen. Mit der Lebenshaltung verteuert sich auch die französische Produktion im Vergleich zum Weltmarkt, denn weit mehr als die hohen Rohstoffpreise ist die endlose „Preis-Lohn-Steuer-Spirale“ für das gestiegene Preisniveau verantwortlich. Hieraus folgerte man wiederum die Notwendigkeit eines verstärkten Schutzes für eigene Erzeugnisse im Bereich der Union Française durch Handels- und Importbeschränkungen, wobei Importsteigerungen sich auf Rohstoffe und Halbfabrikate begrenzen und vor allem in Kompensation zu eigenen Überschüssen durchgeführt werden: Wünscht Deutschland also Nahrungsmittel und Rohstoffe, so soll es Koks und Halbfabrikate liefern, wobei sich Paris die politischen Gegebenheiten auch zur wirtschaftlichen Argumentation zunutze macht. So sagt man dort, daß Deutschland, durch die Abtrennung der agrarischen Ostgebiete, vor allem in einen „Importzwang“ gegenüber französischen (und überhaupt westlichen) Agrar- und Kolonialprodukten versetzt worden sei und eine Reihe von konkurrierenden Exportgütern verloren habe; doch kalkuliert man dabei nicht den so bedingten verstärkten Zwang zum Export von deutschen Fertigerzeugnissen ein. Aus der Folgerung der „Lebensunfähigkeit Deutschlands“, wie sie sich unter diesen Gesichtspunkten ergab, erwuchs auch, gerade in Frankreich, die „europäische Konzeption“.

Die alte Maginot-Linie des Protektionismus beeinträchtigt aber ferner die französische Kolonialwirtschaft, die für eine rasch wachsende Bevölkerung mit steigenden Ansprüchen neue Arbeitsplätze und eine bessere Versorgung mit Konsum- und Dauergütern schaffen will. Heute sind z. B. 60 v. H. der landwirtschaftlichen Exporte Frankreichs überhaupt, wie auch der gesamten deutschen Einfuhren aus Frankreich, kolonialen Ursprungs. Aber bereits vor 1939 hatte die Kraft der französischen Wirtschaft nicht für die ungeheuren Aufgaben einer gleichzeitigen Modernisierung der Industrie des Mutterlandes und der industriellen Erschließung überseeischer Gebiete ausgereicht. So empfinden die Protektionisten auch den Aufbau überseeischer Industrien im Gebiet der Union Française als Konkurrenz: war es gestern die Landwirtschaft Nordafrikas, die man kritisch betrachtete, so ist es heute die Industrialisierung Algeriens, und nun wirft die Errichtung afrikanischer Metall- und Textilindustrien ihre Schatten voraus... Trotz dieser Widerstände bildet die Erschließung der überseeischen Franc-Zone heute die Grundlage der französischen Wirtschafts- und Kolonialpolitik, deren Ziele sich freilich nur allmählich durchsetzen lassen.

Hat man in den Pariser Verwaltungsbehörden auch noch nicht überall die Konsequenzen aus den Notwendigkeiten und den neueren Erkenntnissen gezogen, so beginnen sie doch wirksam zu werden. Die „traditionelle“ passive Handelsbilanz läßt sich eben nur durch Mehrerzeugung, Exportwirtschaft und industrielle Expansion, im Mutterland und in Übersee, ausgleichen. Das heißt, daß die Prinzipien der Selbstgenügsamkeit, der „Mangelwirtschaft“ und des Protektionismus als lebensgefährliche Auffassungen zu gelten haben – mögen sie heute auch noch „praktisch“ weitgehend bestimmend sein. In der Tat stehen heute dem „Traditionalismus“ wenn auch noch schwache, so doch regsame fortschrittliche Kräfte gegenüber.

Aus der vielfältigen Fühlungnahme zwischen deutschen und französischen Industriellen seit dem Kriege hat sich freilich noch keine „Handelsfreiheit“ im Verkehr mit den überseeischen Gebieten Frankreichs ergeben, die nach wie vor von Paris aus ihre Importquoten zugeteilt erhalten, und zwar nach einem System, das den praktischen Absatz von Importkontingenten jederzeit vereiteln kann. Wenn man in Paris auch „grundsätzlich positiv“ zur Mitarbeit deutscher Industrien an Erschließungsaufgaben steht, so scheitert die praktische Durchführung doch am Kapitalmangel beider Länder. Die vielfachen Verflechtungen, die zwischen den monopolistischen kolonialen Handelsgesellschaften und ihren Lieferanten und Abnehmern bestehen, erschweren dabei nicht nur die Gespräche, sondern auch die wirtschaftliche Entwicklung.

Aber trotz aller für unüberwindlich geltenden Gegensätze und Hemmnisse sifld Frankreich und Deutschland gegenseitig ihre zweit- und drittbesten Handelspartner geworden. Die stetige Zunahme des Handelsvolumens ist ein Beweis dafür, daß sich Zugeständnisse lohnen, die gute Kunden, nützliche Lieferanten und stabile Verhältnisse beiderseits schaffen. EOG.