Von Pierre Emmanuel

Das Drama des modernen Menschen ist die Agonie der Freiheit. Nachdem der Mensch die Pforte zum Unsichtbaren vermauert hat, ist für ihn die Welt des Sichtbaren so eng geworden, daß die Gattung Mensch darin an Claustrophobie zu ersticken scheint. Ich spreche hier nicht von der täglichen Sklaverei, die uns die Technik auferlegt, auch nicht von den Methoden der politischen Knechtschaft, deren Ziel es ist, die Menschen festzulegen, und ihre Bewegungen auf unvermeidliche Gesten zu beschränken, auf Reflexe, bei denen das Gewissen ausgeschaltet wird. Gibt es überhaupt noch Abenteuer, seien es religiöse, intellektuelle oder gar die des Forschungsreisenden? Oder ist der Mensch dabei, sich auf eine endgültige Form festzulegen, die ihn versteinern wird wie andere Gattungen vor ihm?

Es gibt glücklicherweise Anzeichen, die uns über die echten Bedürfnisse des Menschen Gewißheit geben und über seine wachsende Sehnsucht nach einer Freiheit, die vor ihm zu entfliehen scheint. Seit dem Ende des Krieges sind die großen französischen Expeditionen zur Entdeckung der noch unbekannten Welt vom breiten Publikum mit wachsender Begeisterung verfolgt worden. Die Polarexpedition Paul-Emile Victors, die Bezwingung des Anapurna durch Herzog, die Forschungen Bertrand Flornoys am Amazonas, die Abstiege in die Höhlen der Causses oder der Pyrenäen und andere Heldenlieder menschlicher Energie begeistern nicht nur die Jugend, sondern alle diejenigen, die versuchen, sich ihre Hoffnung auf den Menschen zu bewahren. Alle also, die noch nicht an der Freiheit verzweifelt sind.

Denn frei sein im vollen Sinne des Wortes, heißt, selbst das Leben für die Ziele der Wissenschaft wagen. Die Freiheit ist die Belohnung für das übernommene Risiko, die dem Sucher nach der Wahrheit zufällt. Die große Öffentlichkeit ahnt etwas davon, daß die Männer, die ihr Leben dem Wagnis weihen, uneigennützig und frei nur um der Forschung willen, vom stärksten moralischen Schlage sind: ihre Tugenden sind genau die, die den Menschen charakterisieren, so wie er sein möchte, wenn er über sich hinauswächst. Das sind nicht nur moralische Tugenden: dazu gehört vor allem der Mut der Intelligenz, die Fähigkeit zur Konzentration und zur Einsamkeit, die so sehr im Gegensatz stehen zu der leeren Betriebsamkeit und dem Aufgehen des Individuums in der formlosen und trägen Masse. Diese Tugenden treten also gegen die Gefahren auf, welche die Person des Menschen heute bedrohen; sie sind darum eminent positiv. Sie sind die einzigen, die heute benötigt werden. Etwas davon empfindet auch das Publikum, wenn es auch keine klare Vorstellung davon hat.

Vielleicht ist es noch eine andere Empfindung – oder besser, ein noch dunkleres Bedürfnis –, das die zahllosen Bewunderer des neuen Heldentyps bewegt. Ich meine den tiefen Drang, durch neue Größe eine alte Größe zu ersetzen, die im Begriff ist, verlorenzugehen. Ohne Zweifel gehört Frankreich zu den Ländern der Erde, deren historische Größe am längsten und am stärksten anerkannt war: bis zum ersten Weltkrieg gab es keinen Franzosen, der nicht von Kindesbeinen an mit den Geschichten solchen Ruhmes genährt worden wäre. Der nationale Stolz war so sichtbar und seine Existenz so wohl begründet, daß sich der Franzose den Luxus einer liebenswürdigherablassenden Bescheidenheit leisten konnte. Die Ereignisse des zweiten Viertels dieses Jahrhunderts haben hingegen in den französischen Nationalcharakter ein Element des Schmerzes eingeführt, das auf alles reagiert. Die Verletzung der Eigenliebe und die Empfindlichkeit, die daraus erwächst, überraschen den Fremden, der nicht immer die Ursache versteht. Eine der Reaktionen des Leidens ist diese Art von moralischer Indifferenz, diese Art des intellektuellen Niedergangs, des verachtenswerten „Désespérantismus“, dessen Formen unendlich variieren und der seine große Zeit und sein lautestes Echo gleich nach dem Kriege hatte – übrigens in irgendeiner Weise überall im Westen. Eine andere Reaktion, die um so heftiger ist, weil sie aus dem Ekel gegen die Exzesse der Verächtlichkeit hervorgeht, ist der Heroenkult, der menschlichem Edelmut entgegengebracht wird. Es ist nicht gleichgültig, daß ein Buch wie das des Fliegerhelden Closterman in Frankreich allein eine Auflage von 800 000 Exemplaren erlebt hat. Ein solches Buch gibt den Franzosen, die es lesen, Genugtuung, es erweckt in ihnen die Erinnerung innerlicher Größe in einsamer Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.

So könnte man annehmen, daß eine solche Literatur nur der Flucht in die Glorie dient. In Wirklichkeit paßt sie sich dem Bedürfnis nach Aktivität an: die französische Energie ist ihrer Mittel, sich auszuwirken, beraubt, und wenn sie sich dann widerspiegeln und inkarnieren kann in einem Wesen von Fleisch und Blut, dann gibt sie wieder einen Enthusiasmus frei, der ganz ähnlich dem ist, von dem uns die Geschichte ihre Beispiele gibt. Das ist die Wirklichkeit, in die die französische Jugend flüchten möchte; eine Wirklichkeit, die viel größer ist als die von heute, und die viel besser den gewaltigen Reichtümern Frankreichs und den unverbrauchten Reserven seiner Rasse entspricht.

Diese französische Jugend ist es, die den Erfolg der zahllosen Reisebeschreibungen sichert, welche in den letzten fünfzehn oder zwanzig Jahren erschienen sind: sie ist es, die sich einem Flornoy, einem Balsan, einem P. E. Victor, einem Marcel Ichac, einem Gasteret, einem Herzog und so vielen anderen zuwendet, um von ihnen das Geheimnis der menschlichen Widerstandskraft und der Disziplin zu erfahren, die den vollkommenen Mann ausmachen. Und sicherlich haben die Erzählungen, die Filme und die Dokumente, mit denen diese Männer über ihre Reisen und über ihre Forschungen berichten, einen Erziehungswert, Ich erinnere mich eines Films von Marcel Ichac, der den Abstieg zweier Speläologen in eine Höhle zeigte: man konnte an diesen Bildern sehen, was es an Anstrengung, Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart fordert, beispielsweise nur eine Stufe der Strickleiter herabzusteigen. Was uns aber damals noch fehlte, das war eine systematische Darstellung, frei von scharmanten Illusionen, auf die selbst die objektivsten Berichte nicht ganz zu verachten pflegen: nämlich ein Handbuch des Forschers, das die Frucht vielfacher und allgemeiner Erfahrung ist. Henri Lauga hat es uns gerade unter dem Titel: De la Banquise à la Jungle (Verlag Plön, Paris) gegeben.