Wohl kein anderer Zweig der französischen Wirtschaft steht vor ähnlich großen Schwierigkeiten wie die Mode-Industrie, vorzüglich die Haute Couture. Der tiefgehende Strukturwandel der „Gesellschaft“ einerseits, die veränderten Verhältnisse in der französischen Wirtschaft andererseits, was die Produktions- und Absatzbedingungen und den Zwang zu verstärktem Außenhandel anbetrifft, wirken sich auf die Luxusfertigung besonders deutlich aus. Heute gilt es, die auf Kunst und qualitativ hochstehendem Handwerk beruhenden Arbeitsgebiete auch „wirtschaftlich“ zu machen und sie gleichsam zu industrialisieren.

Die Haute Couture entstand 1858, als die Kaiserin Eugenie ihren Hofschneider Worth zum „Modeschöpfer“ machte, dem sich alsbald eine Reihe weiterer Firmen der „Hohen Schneiderkunst“ zur Seite stellten. Erst seit diesem Zeitpunkt gibt es „die Mode im Sinne eines ständigen Wechsels, in erst alljährlichem, schließlich jahreszeitlichem Turnus. Seither bestimmt der Modeschöpfer weitgehend das Bild „der Frau“ in aller Welt, ihren Lebensstil und ihren Verbrauch an Gütern.

Da es sich hier um die Zusammenfassung unwägbarer subjektiver Empfindungen zu einem Produkt nicht definierbarer Schönheit handelt, wird man der Auffassung der Hohen Schneiderei nicht widersprechen dürfen, daß sie eine der Schönen Künste ausübe. Mit der Kunst im allgemeinen teilt sich die Haute Couture – heute wie zur Zeit der Eugenie – in eine aristokratischmäzenatische Verbraucherschicht: In diesem Falle jener Frauen, von denen einerseits „die“ Männer ihr Idealbild, ihre minder begüterten Schwestern andererseits aber das Beispiel weiblicher Repräsentation erwarten. Um „tonangebend“ zu werden, warfen sich vordem die Damen der Gesellschaft den Modekünstlern zu Füßen mit dem verzweifelten Ruf: „pour l’amour du bon Dieu: habillez-moi!“ – ohne nach dem Preis des „habiller“ auch nur zu fragen. Hingegen wägen sie heute vielleicht ab, ob der beabsichtigte Zweck nicht durch den Bikini der Schönheitsköniginnen ebensogut zu erreichen sei: eine Wandlung der „Anschauung“ und des Kostenaufwandes zugleich. Aus der aristokratischen französischen Verbraucherschicht ist nach dem ersten Weltkrieg die intellektuell-europäische und heute die oligarchisch-außereuropäische geworden, deren geschmackliche Impulse von der Eleganz zur Exzentrik und Exotik ausschlugen. An Stelle der „individuellen Kundin“ mit ihrer „Exklusiv-Schöpfung“ ist mehr und mehr die „gut angezogene“ Frau, die „modische Mittelstandsschicht“ getreten. Aber aus dem verbreiterten und erhöhten „unteren Niveau“ der Modeverbraucher ging auch eine Vermehrung der Modehäuser einher – in Paris wie in allen Großstädten der Welt. Hat „man“ früher in Paris sowohl „entwerfen“ wie auch sich „kleiden“ lassen, so entstanden besonders nach 1930 in allen Weltstädten erstklassige „nationale“ Modehäuser, die den erhöhten Durchschnittsbedarf im eigenen Lande billiger und ohne Devisen decken, und die sich auch „modeschöpferisch“ betätigen.

Dadurch, daß die Erzeugnisse der Haute Couture bis heute noch kein Copyright genießen, können sich die „kleidenden“ Modebetriebe ohne Lizenz in den ideellen Besitz der Pariser Modelle setzen, wobei die Spionage-Abwehr lediglich einen Mißbrauch vor der Veröffentlichung verhütet, nach den öffentlichen Vorführungen aber wirkungslos ist. Trotzdem haben weniger die Pariser „Bekleidungshäuser“ unter der ausländischen Konkurrenz gelitten als die „Modeschöpfer“. Bei erhöhtem Touristenstrom, einer Zunahme der in Frankreich ansässigen Ausländer und einer etwa konstanten heimischen „Eleganzschicht“ kommen die rund 1800 kleineren Modeateliers (mit je 5 bis 50 Beschäftigten) noch auf ihre Kosten. Die Ausgaben für Löhne, Materialien, Abgaben und Unkosten fallen natürlich bei der Haute Couture besonders ins Gewicht, da hier Umfang und Qualität der Lohnarbeit, der Materialien, Aufmachung, Werbungskosten, Verkaufsspesen und Exportausgaben eine viel größere Rolle spielen, als bei den mehr „bekleidenden“ Modehäusern. So bestehen die Selbstkosten zu 40–50 v. H. aus Löhnen, Sozialabgaben und Kosten der Berufsausbildung, zu 50–60 v. H. aus Materialkosten und Amortisation der vier jährlichen Kollektionen (die Frühjahrs- und Herbst Vorführungen erfordern je mindestens 10 Mill. ffrs.). Die Selbstkosten sind nur 50 v. H. des Verkaufspreises, zu dem noch folgende Positionen treten: 13 v. H. Steuern, 6–10 v. H. Provisionen für Verkäuferinnen, 30 v. H. für Mannequins, Reisen, Werbung und Aufmachung.

Unter die Bezeichnung „Haute Couture“ fallen heute etwa 70 Firmen mit jeweils mehreren hundert Beschäftigten, wogegen 1914 nur etwa 15 Häuser diesen Titel in Anspruch nahmen. Die „Inflation der Betriebe“, wie sie für das Nachkriegs-Frankreich typisch ist, verursacht einen sehr scharfen Wettbewerb. Bei der Verleihung des Titels „modeschöpferisch“ auch an Häuser, die zwar erstklassig, deren Einfluß- oder Arbeitsgebiet aber entweder nur begrenzt oder die „zurückgefallen“ sind, verfuhr man wohl etwas weitherzig, so daß die Zahl irreführend ist. Nur rund 12 Firmen werden als „markierend“ und 4–6 als „tonangebend“ bezeichnet, so daß die Zahl der „Modeschöpfer“ seit 1914 ziemlich konstant geblieben sein mag, während die Führung oder Bedeutung der Häuser wechselt wie die Mode selbst. So haben Lelong, Molyneux und Piguet ihre Ateliers schließen müssen, um sich auf ihre Parfümerien zu beschränken, während die „Föderation de la Mode“ den üblichen Weg der Kunst einschlug: sie beantragte für die Haute Couture staatliche Subventionierung. Danach fehlte es nicht an der Kritik, daß sich die Textil- und Mode-Industrie Frankreichs zu sehr auf ihre traditionellen Stärken und den heimischen (oder exotischen) Bedarf gestützt habe, unter Vernachlässigung z. B. von Baumwolltextilien, Leinen und Kunstfasern, oder von Sport-Fassons, Berufs- und „bürgerlicher“ Kleidung.

Inzwischen haben Fath und Dior die Konsequenz aus der „Demokratisierung“ der Mode gezogen: Sie gründeten Niederlassungen in New York, wo sie eine Auswahl ihrer Kollektionen unter Anpassung an den amerikanischen Geschmack nun serienweise herstellen. In Ergänzung dazu bereisen sie regelmäßig die USA mit den Schöpfungen von „Eleganz am Fließband“ oder von „konservativem Schick für die Mittelklasse“. Da die Serienkleider mit Preisen von 30 bis 75 $ (bei 50 v. H. Zoll und 100 v. H. Verkaufsmarge) doch die Feinheit und Qualität der Verarbeitung aufweisen, die zusammen mit „Pariser Schick“ nur Tradition und Spezialistentum hervorbringen, sind die Aktionen zu einem festen System der Haute Couture überhaupt in allen Ländern geworden. E. O. Genzsch