Von Edmond Lutrand

Im Paris des Jahres 1952 besteht ein Straßennetz in einer Länge von 1 237 000 m, und darüber rollen 1 200 000 Automobile ... Halt! Wie war das? Rechnen wir nach! Bei einer Durchschnittslänge von dreieinhalb Metern pro Wagen (es gibt amerikanische Badewannen-Chrom-Ungetüme von über sieben Meter Länge) müßten die Wagen in doppelter oder dreifacher Schicht übereinander fahren. Die Probe aufs Exempel: 1 200 000 Automobile X 3,50 Wagenlänge = 4 *200 000 im Straßenlänge... Ach, so ist das? Infolge nichtvorhandener Straßenlänge rollen, rasen, rennen die Automobile in Paris in solchem Tempo. Immer schneller! Die Polizisten, die Flics, nehmen ihre Trillerpfeifen gar nicht mehr aus dem Munde. So treiben sie die säumigen Fahrer vorwärts und hetzen sie in den brodelnden Hexenkessel hinein. So also wirbeln sie mit den kleinen weißen Knüppelchen: „Dégagez, allez-y, vite, vite, vite!

„In meiner Jugend“, so seufzte ein alter Freund, „konnte man für die Strecke von der Oper bis in den Bois de Boulogne in ganz gemütlichen Karossen ganze 20 Minuten verwenden. Du kamst frisch und heiter zu den schattigen Bäumen. Heute ist dein Kragen zerweicht, du kannst dein Hemd auswringen, hast Herzklopfen bekommen und verursacht. Führte damals eine Frau die Zügel, so konntest du ihr ein Kompliment zuflüstern. Heute hört sie dich mitnichten: sie blickt dich triumphierend, an, streicht sich das wirre Haar aus der Stirn und stößt hastig hervor: ‚Dem hab’ ich’s aber gegeben, diesem Klotz!’ Schon triumphiert sie auch nach außen: ‚Blöder Bauer, wozu gibt es Trottoire!?‘“, und der so freundlich Gefragte, ohne sich erst umzudrehen, blitzt zurück: „Für deinen Mann, du Hexe! ...“ Schimpfen, Fluchen und Erinnerungen an bessere Zeiten bringen freilich keine Lösungen für das rollende Problem: Was tun?

Da hat unlängst die Pariser Polizeipräfektur ein Dokument über die Verkehrsfragen herausgebracht, ein „Rotbuch“, wie sie es nannte. Und da die Polizei sehr gründlich ist und da Paris zweitausend Jahre zählt, vergißt das Buch nicht, die – Römerzeit zu erwähnen. Lassen wir das! Das frühe Mittelalter ist uns früh genug. Hier das Jahr des Herrn 1292: König Philippe August regiert. Er denkt an die Verteidigung seiner Stadt, läßt eine große Mauer errichten und vernachlässigt dabei nicht städtebauliche Planung. Zwölf Tore geben Eingang zur Stadt. Zum erstenmal werden mit großen Steinplatten die Straßen gepflastert. Paris hat 200 000 Einwohner und 36 000 Meter Straßen. Und schau her: Da ist das Jahr 1658: Paris hat 500 000 Einwohner, 150 000 Meter Straßen und 6000 Fuhrwerke. Eine Verkehrsordnung sagte: „Zwei Karossen sollen in jeder Straße aneinander vorüberfahren können.“ – So eng war Paris, und so einfach war die Lösung der Verkehrsprobleme. Zwei Karossen sollten einfach aneinander vorbeifahren! Das war das ganze Kunststück Heute werden in Paris täglich 350 neue Personen- oder Lastwagen zugelassen. Wo – um Himmels willen – sollen sie fahren? Beamte der Verkehrspolizei wollten dies auch gern wissen. Sie zählten vor kurzem in der Zeit von 15 bis 19 Uhr an vier Punkten die vorüberrollenden Wagen, an der Kreuzung Rue Rivoli und Boulevard Sebastopol, an der Kreuzung Richelieu und Drouot, an der Ecke Rue Royal und Fbg. St. Honoré und an den Champs-Elysees (bei den Chevaux de Marly). Sie zählten in vier Stunden 447 718 Wagen; ein Jahr vorher waren es „nur“ 334 305 gewesen.

Wie nun Mittel finden, dieses täglich ärger werdende Problem zu meistern? Es gibt Projekte, große unterirdische Verbindungen zwischen Ost und West, Nord und Süd herzustellen: technisch lösbare Projekte, obwohl der Grund von Paris durch die Untergrundbahnen, durch Kanäle, durch Wasser- und Abwässerleitungen, durch Telephon- und Telegraphenkabel schon mehrere Etagen tief durchwühlt ist. Ein Kilometer unterirdischer Autostraße kostet über eine Milliarde Franken – das sind immerhin 120 Millionen D-Mark. Und für das erste Bauprogramm sind 100 Milliarden Franken notwendig. Wer kann das bezahlen? – so singen nicht nur die Kölner ...

Bei der Opera will man die Passanten durch Tunnels gehen lassen. Und das ist noch ein kleines Bauprojekt. Größer und schwieriger ist die immer wieder verlangte Verlegung der Markthallen. Der „Bauch von Paris“ im Zentrum der Stadt – na, das ist eine Plage ohnegleichen. Neulich war die Trift so stark, daß ich – ob ich wollte oder nicht – im allgemeinen Sog mitgerissen wurde, so daß ich auf einem Gemüsehaufen landete.

Bei solchen Schwierigkeiten des Verkehrs weiß auch die Pariser Polizei zunächst nur eins: Verbote! Verboten ist, Lastwagen nachmittags im Stadtzentrum abzuladen. Verboten ist in vielen Straßen, länger als 30 Minuten zu parken. In den meisten Straßen darf nur abwechselnd geparkt werden, und man muß jeden Morgen das Kalenderblatt ansehen, denn an geraden Tagen darf man nur auf der Straßenseite mit geraden Hausnummern parken, an ungeraden Tagen auf der anderen Seite. Wir brauchen Raum in Paris, Fläche, Quadratmeter, freien Platz. Wir sind hart daran, die Autos übereinander zu türmen. Um Luft zu schaffen, werden gerade im Moment an den wichtigsten Eingangspforten große Parkplätze eingerichtet. Fahrer aus der Provinz und dem Ausland können dort ihre Wagen in Sicherheit bringen und sich allmählich an den Hexenkessel gewöhnen.