Von Carl Georg Heise

Köln ist wieder eine Stadt von spannungsreicher Großartigkeit geworden. Die stolzen Trümmer, der weitgehend wiederhergestellte Dom verbinden sich auf eindrucksvolle Art mit der Erneuerung nicht nur des modernen Stadtbildes, sondern auch des kräftig aufstrebenden kulturellen Lebens. Und ringsum die Rheinlandschaft im Sommerglanz. Das „Staatenhaus“ auf dem Deutzer Messegelände ist ein sehr repräsentativer Rahmen für die Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes. Ihr wichtigstes Ergebnis: die Heerschau der deutschen Gegenwartskunst zeigt sich der anspruchsvollen Darbietungsform gewachsen.

Man ist um so dankbarer erfreut, als vorher viel von heftigen Kämpfen hinter den Kulissen gemunkelt worden war. Die Jüngeren sprachen von „Cliquenwirtschaft“ unter dem Druck von Karl Hofers starker Persönlichkeit. Das sollte man nicht tragisch nehmen: je besser und zielsicherer die Führung ist, desto mehr ist sie solchen Vorwürfen ausgesetzt. Die Jungen werden siegen und dann später dasselbe zu hören bekommen, gerade wenn sie ihre Sache gut machen. Mit einem schon in Berlin fühlbaren Mißstand hat die Jahresversammlung aufgeräumt: künftig werden nicht mehr, wie bisher, zwei Arbeiten der Mitglieder juryfrei sein. Der Vorstand dagegen wird satzungsgemäß erst im nächsten Jahr, nach der Ausstellung in Hamburg, neugewählt werden können. Kleine Schönheitsfehler bleiben bestehen: der Künstlerbund grollt Emil Nolde; Schmidt-Rottluff grollt dem Künstlerbund und ist mit zwei weiteren Berliner Kollegen ausgetreten.

Das macht die Tatsache noch fühlbarer, daß big old men, deren Kunst maßstäblicher Charakter zuzusprechen wäre, heute im Bunde kaum vorhanden sind. Gewiß sind die Pioniere von einst inzwischen „arriviert“, aber die Alten sind nicht zugleich auch altersreif geworden. Zu sehr erscheinen sie irritiert durch die so ganz anders gerichteten Ziele der Jungen, die ihrerseits so unduldsam sind. Und die Unbeirrbaren sind leider nicht die Besten. Einer von ihnen muß trotzdem auszeichnend genannt werden: der heute 72jährige Karl Caspar. Die Zeichensprache seiner religiösen Kompositionen ist unpathetisch eindrucksvoll, ein tiefgefühlter reiner Klang. Kein Großer, aber ein Beständiger, und das tut wohl. Seine Bilder wirken wie Windstille mitten im Sturm. Merkwürdig, als wir jung waren, hätten wir uns das nicht träumen lassen.

Das Gesamtbild wird beherrscht von den Abstrakten, und es muß sine ira et studio festgestellt werden, daß sie die künstlerische Durchschnittshöhe sehr positiv mitbestimmen. Es beginnt eine gewisse Rangordnung sich abzuzeichnen: Baumeister, Camaro, Faßbender, Meistermann, Nay, Theo Werner (nicht ausgestellt) und Fritz Winter haben jeder ein unverwechselbares Profil gewonnen, keineswegs so international unpersönlich, wie das oberflächliche Lästerer zu behaupten belieben, E. W. Nay, heute 50jährig, der durch eine gleichzeitig bei Ferdinand Möller gezeigte Kollektion im Mittelpunkt der Diskussion steht, hat nach einer Zeit allzu intellektueller Versuche eine lockere, blühende Malerei wiedergewonnen. Ein kühnes Temperment und ein disziplinierter Kopf; die kultivierte Farbigkeit ist nach wie vor die vielleicht stärkste Seite seiner Begabung. Natürlich darf man nicht erwarten, daß jeder in jedem Jahr sein Bestes schickt; Camaro, Berke und Winter zum Beispiel waren in Düsseldorf eindrucksvoller vertreten. Wichtig ist es, diejenigen zu zitieren, die als neue Hoffnung erscheinen: Louise Rösler mit ihrem kleinteiliganmutigen „Blauen Zirkusbild“, Peter Steinforth mit einer „Abstrakten Landschaft“, die Anregungen von Camaro selbständig verarbeitet – übrigens einer von nur drei Künstlern (bei 157 Ausstellern!), die unter 30 sind; schade, da gerade unter den Jüngsten so viel echtes, eigenwilliges Talent zu finden ist.

Einer sinnvollen Planung gemäß dominieren unter den geladenen Gästen jeweils die Künstler des Ausstellungsortes und seiner Umgebung; im nächsten Jahr also haben die Hamburger ihre Chance, die besser abschneiden könnten als diesmal in Köln; nur Arnold Fiedler gehört, namentlich mit seinem „Jahrmarkt mit Luftrad“, in die vorderste Reihe. Eine Klasse für sich ist Rolf Nesch, der seit der Nazizeit in Oslo lebt und in den USA außerordentliche Erfolge hat; von seinen an Kirchner geschulten expressionistischen Anfängen hat er sich ganz freigemacht, seine technisch unerhört raffinierten Farbdrucke – Metallgraphik nennt er sie – gehören zum Besten der Ausstellung. Das spielerisch Dekorative verbindet sich mit skurriler, aber äußerst prägnanter Ausdruckskraft.

Demgegenüber haben die „Gegenständlichen“ (natürlich auch sie stark abstrahierend) keinen ganz leichten Stand, besonders deswegen, weil leider einige bedenkliche, verkappt naturalistische Plattitüden nicht ausgeschieden worden sind. Das unruhvoll Experimentierende tritt bei ihnen besonders hervor. Motive aus Religion, Mythos und Volksbrauch sind legitime Ausweichthemen: keine banale, sondern eine geistig überhöhte Wirklichkeit. Werner Gilles ist führend (er wird sogar schon imitiert). Dagegen ist der Surrealismus strengster Observanz offenbar im Absterben. Die zerebrale Überwindlichkeit des einst in Paris führenden Max Ernst läßt kühler als des in München lebenden Mac Zimmermann „Halle der mathematischen Instrumente“, ein Bild von überzeugend unheimlicher Atmosphäre.