Wenn wir davon, ausgehen wollen, daß gerade die kulturellen Beziehungen zwischen zwei Nachbarvölkern, die so viel aneinander und umeinander gelitten haben, ein wesentliches Zeugnis für ihr gegenseitiges Verhältnis ablegen, so dürfen wir wohl mit Freuden feststellen, daß das Werk der deutsch-französischen Verständigung Fortschritte macht, die zu den höchsten Hoffnungen berechtigen. Frankreich steht der deutschen Kunst, der deutschen Musik, dem deutschen Theater mit offenen Sinnen gegenüber.

Versetzen wir uns doch in die Jahre nach dem ersten Weltkrieg! Wäre es damals möglich gewesen, daß beispielsweise in der Großen Oper von Paris ein deutscher Dirigent wie Furtwängler ein deutsches philharmonisches Orchester dirigierte oder daß Wagner-Opern in Paris in-deutscher Sprache gesungen wurden, wie dies nun schon seit Jahren der Fall ist? Daß deutsche Musik und deutsche Musiker in Frankreich heute wieder mit Begeisterung aufgenommen werden, ist bekannt. Schon 1950 schrieb der Musickritiker der Tageszeitung „Combat“: „Man gibt hier allen aus Deutschland kommenden Künstlern den Vorzug. Wer hätte das 1945 für möglich gehalten? Die Umstände zeigen aber, daß die vom Publikum getroffene Wahl absolut gerechtfertigt ist.“

Aber auch auf dem Gebiet der Bildenden Künste hat Paris von Deutschland in den letzten Jahren Befruchtung erfahren. Im Dezember 1948 wurde im „Petit Palais“ unter dem Patronat des französischen Außenministers und des Ministers für Nationale Erziehung eine Sonderausstellung der wundervollen Kunstschätze der Münchner Pinakothek eröffnet, die Wochen hindurch außerordentlichen Zulauf hatte. Im April 1950, patroniert von der französischen Regierung und der deutschen Bundesregierung, erstand in den Sälen der „Orangerie“ am Tuileriengarten eine Ausstellung der Werke altdeutscher Meister, von der Kölner Malschule bis zu Albrecht Dürer, die aus zahllosen deutschen Museen und Privatsammlungen zusammengetragen war. Schon nach 14 Tagen hatte diese Ausstellung die Zahl von 18 000 Besuchern aufzuweisen. Für die Franzosen brachte sie die überraschende Begegnung mit zwei Jahrhunderten deutscher Malerei, die ihnen fast unbekannt war und die ihnen zeigte, wie sehr, bei allen spezifischen Werten, die Kunst des frühen Mittelalters aus einem gemeinsamen europäischen Kulturgut genährt ist. Wohl den Höhepunkt aber brachte die Ausstellung der Meisterwerke aus den Berliner Museen im „Petit Palais“, unter denen die Pariser mit Entzücken Watteaus „Firmenschild für den Kunsthändler Gersaint“, die Lucrecia von Lukas Cranach, das als Gioconda des Nordens bezeichnete Mädchenporträt von Petrus Christus, die Serie der herrlichen Rembrandts, zwei der schönsten Vermeers sehen konnten. Der Andrang war so stark, daß die Besucher buchstäblich Schlange standen. Wir müssen aber auch die Ausstellung der Impressionisten und der französischen Romantiker aus deutschen Museen nennen, die im vergangenen Jahr in der Orangerie zu sehen waren und die den französischen Kunstliebhabern Gelegenheit gaben, sich davon zu überzeugen, mit wieviel frühem Verständnis deutsche Sammler und Museumsleiter Werke französischer Maler zu einer Zeit zusammengetragen haben, in der sie in ihrem eigenen Land zum großen Teil noch verkannt waren. Valéry hat einmal das schöne Wort von der Politique de l’esprit geprägt, die sich an Geist und Geschmack wendet. Eine solche Politik zur Förderung aller Veranstaltungen des künstlerischen Austausches und damit zur geistigen Annäherung der Nachbarvölker wird, das dürfen wir in diesem Zusammenhang nicht vergessen, auf glücklichste Weise vom deutschen Generalkonsul und Geschäftsträger in Frankreich, Dr. Wilhelm Hausenstein, gefördert, der ja selbst Kunstkenner von hohem: Rang ist.

Ein geistig so reges und aufgeschlossenes Volk wie die Franzosen widmet natürlicherweise auch dem zeitgenössischen deutschen Schrifttum waches Interesse: Da ist zunächst die Philosophie, die ja direkt und indirekt einen erheblichen Einfluß auf moderne französische Geistesströmungen, wie den Existentialismus, genommen hat. Seit langem schon sind die Werke von Jaspers und Heidegger in französischer Sprache erschienen. Auch religionsphilosophische Arbeiten gehören in diese Kategorie. Als Beispiel sei erwähnt, daß Romano Guardinis Werk „Pascal oder das Drama des christlichen Gewissens“ von André Rousseaux, dem bedeutenden Kritiker der führenden französischen Literaturzeitschrift „Figaro Litteraire“, als das beste Buch bezeichnet wurde, das seit langem über Pascal geschrieben worden ist. Ein ganz anderes Feld, das den französischen Leser auf dem Gebiet des deutschen Schrifttums stark interessiert, ist die Kategorie des Zeitdokuments oder, wie man hier sagt, des „temoignage“, des authentischen Berichts über die Geschehnisse der wirren Epoche, die hinter uns liegt. Alle deutschen Bücher, die unter diesen Begriff fallen, haben hier großen Erfolg. Aber selbst dem Gebiet der reinen Dichtung, den Novellen und Romanen, die nicht unbedingt zeitgebunden sind, bringt die französische Verlagsproduktion, trotz der Buchkrise, die auch hier nicht spurlos vorübergeht, ein immer steigendes Interesse entgegen.

Ein selbst so summarischer Überblick über das französische Interesse am geistigen Leben Deutschlands wäre allzu unvollständig, wollten wir nicht erwähnen, daß die wichtigsten literarischen Zeitschriften Frankreichs den deutschen Problemen der Nachkriegszeit viel beachtete Sondernummern gewidmet haben. So zum Beispiel Emmanuel Mouniers Zeitschrift „Esprit“, die im Juni 1947 mit einer solchen Enquâte den Anfang machte, weiter „Temps Modernes“, die Zeitschrift Sartres, „L’Age Nouveau“ und manche andere, so auch die Zeitschrift für Geisteswissenschaft und Psychoanalyse „Psyche“, die neben Texten von Karl Jaspers und Martin Heidegger auch einen, sehr bemerkenswerten Beitrag von Romano Guardini und interessante Aufsätze von Friedrich Sieburg und Gottfried Benn brachte.

Wir haben absichtlich zum Schluß dieser Studie das Gebiet des Theaters aufgehoben. Gerade hier hat man ja oft von Einseitigkeit gesprochen, insofern, als eine besonders große Zahl französischer Theaterstücke in Deutschland gezeigt werden, während umgekehrt anscheinend nur wenig geschah. Es scheint uns deshalb ein besonders beachtliches Charakteristikum für die Entfaltung unserer gegenseitigen Kulturbeziehungen zu sein, daß in steigendem Maß deutsche dramatische Werke jetzt auch im Spielplan der französischen Theater Aufnahme finden. Wir konnten in jüngster Zeit Aufführungen von Kleist und Schiller in Paris erleben. Aber auch ein moderner Autor deutscher Sprache, der Österreicher Fritz Hochwälder, hat mit seinem anspruchsvollen religiösem Drama „Das Heilige Experiment“ (französischer Titel: „Sur la Terre comme au Ciel“) einen solchen Erfolg gehabt, daß die französische Kritik nicht zögerte, dieses Werk, dem in Deutschland anscheinend ein ähnlicher Erfolg versagt geblieben ist, in die allererste Reihe der in Paris gezeigten zeitgenössischen Autoren zu stellen. Der Pariser Aufführung der „Maria Stuart“ (Ende November 1951) durch den jun- * gen Theaterregisseur und Schauspieler Raymond Hermantier, der zu den vielversprechenden Nachwuchskräften der französischen Bühne gehört, kommt schon deshalb eine ganz besondere Bedeutung zu, weil das Trauerspiel Schillers in Frankreich noch nie gespielt worden war. Zwar hatte die Comédie Française im Jahr 1820 eine „Maria Stuart“ in Versen von Pierre Lebrun gezeigt, aber von Schiller war wenig darin. Eine große Schwierigkeit entstand für Hermantier dadurch, daß er ins Théâtre de l’Humour übersiedeln mußte, eine Bühne, die schon durch ihre Lage mitten im Pariser Vergnügungsviertel sich denkbar schlecht für eine klassische Aufführung eignet. Und doch wurde die Inszenierung in der vorzüglichen, eng an das Original angelehnten Übertragung von Charles Charras, einem jungen Germanisten und Mitspieler aus Hermantiers

Truppe, zu einem Ereignis ersten Ranges, so daß die ursprünglich nur für 20 Tage angesetzte Aufführungszeit nun schon seit Monaten andauert, und noch immer ist das kleine Theater ausverkauft. Hermantier, der in der „Maria Stuart“ die Rolle des Mortimer spielt, trägt sich übrigens seit langem mit der Absicht, auch Goethes „Faust“ in der Übertragung von Gérard de Nerval aufzuführen, was schon 1951, bei den dann leider nicht zustande gekommenen Festspielen in Nîmes, hätte geschehen sollen. Es scheint uns besonders bezeichnend, daß dieser junge Vorkämpfer für klassisches deutsches Theater auf französischen Bühnen, im Krieg Widerstandskämpfer war und ihm dabei von einer deutschen Kugel die Hand zerschossen wurde.