Von Thomas Wolfe

Als der amerikanische Dichter Thomas Wolfe 1936 Deutschland wieder verließ, begleitete ihn sein Verleger bis auf den Bahnhof. Der Verleger war Ernst Rowohlt. In seinem letzten Buch „Es führt kein Weg zurück“ beschreibt Thomas Wolfe einen Autor namens George Webber, der Deutschland verläßt und von seinem deutschen Verleger namens Lewald an den Zug gebracht wird ... Auch dieses Porträt eines Verlegers verlegte in Deutschland Ernst Rowohlt, der in diesen Tagen seinen 65. Geburtstag feiert.

Das Taxi wendete und fuhr auf der anderen Seite des Kurfürstendamms entlang, bog in die Joachimsthaler Straße ein und hielt drei Minuten später vor dem Bahnhof ...

George blickte die Gleise entlang nach Osten, von wo sein Zug kommen mußte, sah die Signale, die schmal zusammenlaufenden Schienenstränge, die Hausdächer und das dichte Grün des Zoologischen Gartens ...

Gerade da erschien Lewald auf dem Bahnsteig ... Sein rosiges Gesicht sah so munter aus wie stets. In seinem ständigen Überschwang wirkte er immer leicht alkoholisiert. Auch zu dieser frühen Tageszeit war er von überströmend weinseliger Heiterkeit. Er schwankte, die breiten Schultern und den vorstehenden Bauch wiegend, über den Bahnsteig, und sogleich wurden alle Leute von seiner fröhlichen Laune angesteckt und lächelten ihm mit einem gewissen Respekt zu. Trotz seines großflächigen, rosigen Gesichts und seines kolossalen Bauches wirkte Lewalds Erscheinung durchaus nicht lächerlich. Auf den ersten Blick machte er den Eindruck eines auffallend gut aussehenden, keineswegs dicken, sondern eher imponierenden großen Mannes. Wenn er so dalerrollte, beherrschte er die ganze Umgebung mit spielerischer und doch unangreifbarer Autorität. Man hätte ihn kaum für einen Geschäftsmann gehalten, keinesfalls für einen sehr gerissenen und geschickten Geschäftsmann, der seinen Vorteil zu nutzen wußte. Er wirkte im ganzen wie ein natürlicher, ungekünstelter Bohemien. Gleichzeitig verleugnete er nicht den alten Offizier – nicht jenen preußischen Militärtyp, sondern einen Burschen, der seinen Dienst getan und seine Militärzeit aus vollen Zügen genossen hatte: lärmende Männerkameradschaft, Freß- und Sauftouren und amouröse Abenteuer.

Seine ganze Erscheinung zeugte von einem ungeheuren Lebensappetit. Jeder, der ihn sah, spürte das sofort, und deshalb wurde ihm von allen Seiten zugelächelt. Er strotzte von Wein und ungezwungener Herzlichkeit, er hatte das Auftreten eines Mannes, der sich mit elementarer Naturkraft über alle Schranken alltäglicher Schablonen hinwegsetzt. Er gehörte zu den Menschen, die sich aus dem grauen Alltag irgendwie ganz unmittelbar und leuchtend herausheben, die eine wunderwirkende Aura von Wärme, Farbigkeit und Temperament ausstrahlen. Aus jeder Menschenmenge hob sich seine einsam-beherrschende Gestalt auffallend heraus und zog aller Augen in regem Interesse auf sich; auch wenn man ihn nur kurz gesehen hatte, erinnerte man sich später stets an ihn, so wie man in einem leeren Hause das einzige möblierte und geheizte Zimmer im Gedächtnis behalten würde.

Als Lewald nun näher kam und noch ein paar Meter von George entfernt war, drohte er diesem schelmisch mit dem Finger und wiegte dabei seinen großen Schädel von einer Seite zur anderen. Als er herangekommen war, sang er mit heiser-versoffener Stimme den Anfang eines unanständigen Liedes, das er George beigebracht hatte und das die beiden oft an den ungeheuerlichen Abenden in Lewalds Haus gesungen hatten.