Wirtschaftlich gesehen ist heute Marokkozweifellos das zukunftsreichste Gebiet der Französischen Union. Seit Kriegsende wurden dort die bedeutendsten Kapitalien investiert, zunächst überwiegend französischen Ursprungs, neuerdings aber auch aus ausländischer Quelle. Es ist kein Zufall, wenn sich seit einiger Zeit die deutsche Wirtschaft sehr stark für die marokkanischen Möglichkeiten interessiert. Geographisch und klimatisch ist Marokko ungewöhnlich günstig gelegen. Erblickt sowohl nach dem Atlantischen Ozean und Amerika wie nach dem Mittelmeer und dem Mittleren Osten, es gehört gleichzeitig zu Afrika und zu Europa. Trotz der Nähe der Sahara und allen Nachteilen der Wüstenstrecken können sich Europäer ohne allzu große Schwierigkeiten dem marokkanischen Klima anpassen, und sowohl an der Küste wie im Inneren des Landes gedeihen alle für die europäische Ernährung wichtigen wirtschaftlichen Erzeugnisse.

Klima und Geographie bilden nur den äußeren Rahmen der marokkanischen Entwicklungsmöglichkeiten. Ihre wesentliche Grundlage sind die bis heute nur teilweise erforschten Bodenschätze des Landes, verbunden mit den landwirtschaftlichen Aussichten. Die Flächen, die sich die Wüste im Laufe der Jahrhunderte seit dem Zerfall des römischen Reiches in Nordafrika eroberte, können ihr durch den Bau geeigneter Bewässerungsanlagen in kurzer Frist wieder erfolgreich und zum größten Nutzen der marokkanischen Bevölkerung abgerungen werden.

Der wertvollste Trumpf der marokkanischen Wirtschaft sind wohl die bereits vor dem Kriege geahnten und sich in ihrem Umfang immer deutlicher abzeichnenden Erdölvorkommen. Die augenblickliche Förderung in Höhe von nicht ganz 100 000 t Erdöl jährlich mag bescheiden erscheinen. Es handelt sich dabei jedoch nur um einen Anfang. Die verantwortliche Gesellschaft, die „Société Chérifienne des Pétroles“, ein mehrheitlich staatliches Unternehmen mit französischer und marokkanischer Beteiligung, geht sehr vorsichtig zu Werke, da sie nur über beschränkte Mittel verfügt und ausländische Investitionen vermeiden möchte.

Der Süden Marokkos, an der algerischen Grenze, mit den Kohlengruben von Djerada als Mittelpunkt, birgt alles, was man für eine moderne Industrie braucht: Energie, Kupfer, Mangan, Eisen, Kobalt, Blei, Zink, usw. Seine Reichtümer bildeten den Ausgangspunkt des vorläufig noch nicht fertiggestellten Labonneplanes, der die Verwirklichung eines großen afrikanischen Industriekombinates anstrebt.

Unabhängig von jeder Zukunftsmusik vermag der marokkanische Bergbau schon erhebliche Leistungen aufzuweisen. 1951 wurden über 4,5 Mill. t Phosphate gefördert, gegen weniger als 1,5 Mill. t 1938, über 300 000 t Manganerz gegen nur 80 000 t, fast 90 000 t Blei gegen nur 26 000 t, fast 35 000 t Zink gegen nur 5 531 t, über 500 000 t Eisenerz gegen nur 262 000 t 1938, ferner fast 6 000 t Kobalt und fast 400 000 t Steinkohle gegenüber, nur 141 000 t 1938. Allein die Kobalterzeugung ist hinter dem Vorkriegsstand zurückgeblieben. Der Produktionsindex der Grubenunternehmen erreichte Ende 1951 einen Stand von 291 (1938 = 100). Daneben entwickelt sich im schnellen Rhythmus eine leistungsfähige verarbeitende Industrie. Über die Hälfte des Zementbedarfes wird bereits aus lokaler Erzeugung gedeckt und zwei weitere Großbetriebe befinden sich in Bau. Das Land besitzt ferner Gießereien, Kabelfabriken, eine Metallwarenerzeugung verschiedenster Art, chemische Unternehmen für die Herstellung von Kunstdünger, Schwefelsäure, Chlor, Soda usw., eine ausgedehnte Lebensmittelindustrie usw.

In der Landwirtschaft überwiegen vorläufig die klassischen Erzeugnisse, d. h. Getreide, Südfrüchte und Oliven. Die zuständigen Stellen sind aber ständig darum bemüht, die Ernährungsgrundlage Marokkos zu erweitern, einerseits in Anbetracht der steigenden Zahl der Bevölkerung, andererseits im Interesse einer besser ausgeglichenen Zahlungsbilanz. Eine modern organisierte Landwirtschaft könnte Marokko zu einem Getreideexportland machen, während es augenblicklich, besonders in schlechten Jahren, auf die Getreideeinfuhr angewiesen ist. In zunehmendem Maße widmet man sich dem Reisanbau, der in wenigen Jahren den marokkanischen Eigenbedarf decken sollte. Besondere Erwähnung verdient der steigende Weinanbau, der bereits erhebliche Ausfuhren zuläßt. Hierfür legt Marokko besonderen Wert auf den deutschen Markt. Selbstverständlich, hat es keine Marken weine anzubieten, wohl aber hochwertige Konsumweine mit hohem Alkoholgehalt (vergleichbar den algerischen Erzeugnissen), deren Hauptanziehungskraft in ihren verhältnismäßig geringen Preisen und auch in den günstigen Transportmöglichkeiten nach deutschen Häfen liegt. Weitere landwirtschaftliche Pläne betreffen den ständigen Ausbau der Produktion und des Exports von Frühgemüsen, besonders von Tomaten, in Konkurrenz mit den spanischen Produkten, und schließlich den Baumwollanbau in größerem Ausmaße. Dabei handelt es sich um eines der aussichtsreichsten Zukunftsprojekte der marokkanischen Wirtschaft. Dieses Jahr werden bereits 3700 ha mit Baumwolle bepflanzt werden, und in kurzer Frist können es 10 000 ha und mehr-sein. Verwirklicht man ein großangelegtes Bewässerungsprojekt auf der Hochebene Marockos, wäre das Land in der Lage, den gesamten Bedarf der Französischen Union an langfaseriger Baumwolle ägyptischer Qualität zu decken. Von unmittelbarem Interesse für die deutsche Wirtschaft sind selbstverständlich die Handelsmöglichkeiten mit Französisch-Marokko. Einige Zahlen über die allgemeine Entwicklung des marokkanischen Außenhandels sind in dieser Beziehung mehr als aufschlußreich. In den ersten elf Monaten des Jahres 1951 erreichte die Einfuhr Marokkos einen Gesamtumfang von 2,16 Mill. t gegen nur 0,95 Mill. t im ganzen Jahr 1938 und die Ausfuhr 6,35 Mill. t gegen nur 2,34 Mill. t. Die bedeutendsten Einfuhrgüter waren 1951 mengenmäßig Erdöl, Zement, Stahl und Eisen, Zucker und Getreide, wertmäßig Zucker, Automobile, Baumwollstoffe, Erdölerzeugnisse, Stahl und Eisen, Holz und Holzerzeugnisse, Zement, Papier und Papierwaren sowie Butter und Öle. Auf der Ausfuhrseite sind Phosphate, Eisenerz, Manganerz, Mais und Gerste, Blei, Hülsenfrüchte, Frischgemüse und Zitrusfrüchte zu nennen.

Unter den Lieferanten steht Frankreich bei weitem an der Spitze (84,5 Mrd. ffr. bei einer Gesamteinfuhr von 146,4 Mrd. in den ersten elf Monaten von 1951). An zweiter Stelle folgen die Vereinigten Staaten mit 12,5 Mrd., ferner Französisch-Westafrika, Großbritannien, Algerien, Portugal und Spanien.