Von Horst Unger

In Paris, beim Stöbern in den Bücherkästen an den Seine-Quais, kamen uns weit mehr Bücher von Duhamel in die Hände als von jedem anderen französischen Dichter. Wir stellten bei dieser Gelegenheit fest, daß er mehr als fünfzig Bände veröffentlicht hat – weitaus mehr, als wir kannten. Wir machten uns auf den Weg zur Isle de France, nach Valmondois, zum Landhaus Georges Duhamels. Und plötzlich kamen uns Bedenken: War es nicht Zudringlichkeit, die wenigen Ruhetage des Dichters zu stören, die er in seinem Landhaus verbringt? Schon kamen Schritte durch den Garten.

Duhamel sah aus wie jener Laurent Pasquier, den er im Vorwort der „Chronique des Pasquiers“, seinem großen autobiographischen Werk, geschildert hat: „Der Kopf erscheint im Gesamteindruck rund, die Stirn gewölbt, die Brauen schwer, die Nase kurz und dick, die Kiefer stark. Alles das sichtbar, offen zugegeben, denn ich trage keinen Bart. Das Ganze ist nicht schön, doch ziemlich energisch ... Wenn ich mir in einem Spiegel begegne, entdecke ich einen Herrn im reifen Alter, der zugleich einer Robbe und einer Bulldogge ähnlich sieht...“

Gewiß, er ist seit dem Selbstporträt mehr als fünfzehn Jahre älter geworden; nur noch als schmaler Kranz umrahmt sein Haar den mächtigen Schädel, aber die klaren Augen leuchten, und sein Gang hat Kraft und Schwung. Wir bitten ihn, es uns offen zu sagen, ob wir ihn stören. „Ich arbeite ohnehin den ganzen Tag. Es ist also gleich, wann man mich besucht“, entgegnet er.

Im Musikzimmer nehmen wir Platz. „Leider spreche ich nicht Deutsch“, sagte Duhamel, „aber ich bin mehr als zwanzigmal in Deutschland gewesen. Seit 1933 freilich nicht mehr ... Ich erinnere mich: Wohl im Jahre 1938 war es, als deutsche Studenten, die in Paris studierten, mich baten, in Norddeutschland Vorträge zu halten. ‚Sehr gern‘, habe ich ihnen gesagt, ‚aber ich werde alles sagen, was ich über das jetzige Deutschland denke‘. – Sie haben gelacht und mir erklärt, das sei unmöglich. ‚Dann, meine Herren‘, mußte ich ihnen antworten, ‚hat es keinen Sinn, daß ich komme‘. – Und dabei ist es geblieben. Ja, und dann kam dieser Krieg ... Es ist schwer, das alles zu vergessen. Viele meiner Freunde in Deutschland waren Juden. Sie leben nicht mehr. Und hier meine Nachbarn – im Nebenhaus ... Wissen Sie, ich bin kein Verfechter der Politik Napoleons. Aber mit dem, was er tat, hat er wenigstens nicht an den heiligen Grundsätzen der Menschheit gerüttelt.“

Und dann kam eine beglückend schlichte Wendung: „Ich wünsche von Herzen, daß Deutschland glücklich sei. Wenn Deutschland glücklich ist, sind wir es auch. – Sehen Sie“ – und er sprang impulsiv auf und ging zum Flügel –, „hier sehen Sie sich die Noten an! Beinahe jeden Abend sind wir durch die Musik mit Deutschland verbunden. Mein jüngster Sohn ist Musiker. Gestern erst hat er aus dem ,Freischütz‘ gespielt. Ja, das ist das Deutschland, das wir lieben; das gute, das wahre Deutschland.“ Er blättert in den Klavierauszügen: Mozart, Schubert, Beethoven, Wagner. „Ich habe Deutschland sehr geliebt ... Ich lebe mit Goethe!“ Und plötzlich fügte er hinzu: „Goethe hätte mit dem Nazi-Deutschland auch gebrochen.“ –

Eine Binsenweisheit – wenn man so will. Doch wir begriffen aus diesem Satz, daß er in den Jahren des Krieges gelitten haben muß.