Zu allen Zeiten und in allen Ländern wurden Weine und Branntweine nach ihren Ursprungsgebieten bezeichnet und bewertet. Für Frankreich trifft diese Herkunftstradition in erster Linie zu. Sind doch Geschmack und Blume der ungezählten Abarten gewöhnlicher, feiner, aber vor allem feinster Weine, welche dieses Land nicht seit Jahrhunderten, sondern seit über 1000 Jahren methodisch erzeugt und über die eigenen Grenzen hinaus verkauft, eng mit dem Boden und seinen Eigenarten verbunden, auf dem die Rebe gedeiht. Doch genügt es heute nicht, daß die Flasche, sobald sie einmal auf denTisch des Konsumenten gelangt, einen allgemeinen Herkunftsnachweis trägt. Wer etwas vom Wein versteht und Wert auf wirklich gute Jahrgänge legt, der muß in einem so alten und berühmten Weinland wie Frankreich auch auf andere Bezeichnungen als auf den bloßen landschaftlichen Ursprung achten. Genau wie das Land und seine Bewohner selbst, so tragen auch seine Weine eine Reihe individueller, für den Kenner wichtige und voneinander deutlich unterscheidbare Merkmale.

Einige dieser Merkmale sind natürliche Elemente der Erde, die den Rebstock trägt. Der Wein nimmt die physikalischen und chemischen Eigenarten des Bodens auf, dem er entwächst. Andere Merkmale wieder sind aus dem Klima, ja aus besonderen meteorologischen Verhältnissen der regionalen Landschaft herzuleiten und lassen sich bisweilen auf das Jahr und auf die Ortschaft des Wachstums genau bestimmen. Schließlich – und dies unterscheidet wahrscheinlich die französischen Weine; deutlicheralsalesandere, von ihren Konkurrenten in anderen europäischen und außereuropäischen Ländern – spielen beim französischen Weinbau eine nicht zu unterschätzende Rolle: die aus sekulärer Tradition beruhende Auswahl der Rebarten, die technischen Methoden, sowohl der Rebzucht wie auch der Weinbereitung, und nicht zuletzt die Kunst, einen jungen Wein durch besondere Behandlung und Lagerung ausreifen zu lassen.

All diese landschaftlichen, technischen und menschlichen Vorbedingungen werden in Frankreich erfüllt und müssen erfüllt werden, ehe der Wein aus dem Faß und in der Flasche auf den Tisch des Käufers gelangt, und nur diese Eigenschaften vereint sichern dem französischen Wein seine Güte. Weinbau und Weinexport gehören zu den ausgesprochenen Qualitätssektoren der französischen Wirtschaft.

Der Zwang, diese Wirtschaft zu schützen, hat frühzeitig zum Erlaß jenes Sondergesetzes geführt, durch welches die Qualität der Markenweine auch äußerlich sichtbar geschützt wird. Das „Institut National des Appellations d’Origine‘ in Paris, in dem sowohl die staatlichen Behörden als auch die interessierten Berufsverbände des Weinbaus, also nicht nur die Winzer, sondern auch die Weinhändler Sitz und Stimme haben, definieren auf Grund eines besonderen Gesetzesdekrets – soweit sich in dieser Hinsicht überhaupt etwas vorausdefinieren läßt – die Gesamtheit der Bedingungen, die im französischen Weinbau maßgebenden Einfluß auf die Qualität ausüben.

Nicht nur die Rebzucht, die Art und Weise wieder Rebstock gepflanzt und geschnitten und die Traube gepflegt und gepflückt wird, sondern auch der Hektarertrag des Rebstücks, der Prozentsatz an „Graden“, der Süßegehalt des Mostes sind dabei berücksichtigt und spielen bei der Bestimmung der Qualität für jeden Jahrgang eine bestimmte Rolle. Die in Frankreich außerordentlich hochentwickelte Monokultur des Weinbaus bedeutetheutenoch in vielen französischen Departements den gesamten Reichtum und oft das alleinige Einkommen einer arbeitsamen Bevölkerung. Wenn sich die Produktion auch aus verschiedenen Gründen seit 1938 sichtbar verminderte und der Konsum aus den gleichen Gründen bis zum Jahre 1950 den Vorkriegsstand noch nicht wieder erreicht hatte, so erwies sich die französische Weinbauwirtschaft doch zweifelsohne krisenfester als die Landwirtschaft im allgemeinen. Produktion und amtlich eingeschätzter Verbrauch entwickelten sich wie folgt: