Wenn man, als Deutscher von Deutschland kommend, aus dem Pariser Nordbahnhof tritt, fühlt man sich plötzlich von einer lange nicht mehr geatmeten Luft angeweht. Mit einem Male wird einem bewußt, daß es bei uns, seitdem Berlin zur Frontstellung wurde und andre Orte sich in provinzielle Schmollwinkel verwandelten, keine wirkliche Großstadt mehr gibt. Großstadt — nicht nur im Sinne von "Häusermeer", von Millionenzahl der Einwohner, sondern auch im Sinne eines geistigen Klimas Und darum wird es einem in Paris leichter als anderswo, an Zukunft zu glauben Überblickt man von einem der vielen Aussichtspunkte die Stadt, so liegt sie einem zu Füßen wie ein seltsames Muschelkalkgebilde. Sie trägt die Patina ihrer vielen hundert Jahre sichtbar und wie einen kostbaren Schmuck zur Schau. Und aus den Runen des Alters sehen allenthalben die grünen und goldnen Zeichen unvergänglicher Jugendlichkeit hervor. Und wie in dem grandiosen architektonischen Ganzen, sind auch im Einzelnen Tradition und Entwicklung ineinander "Lichtstadt" hinreißend aktualisieren. Das sind die Stunden, wo auch mancher "gewohnte Pariser" ein Augenblick vor der Turmfassade von sonst unbemerkten Schönheiten des gotischen Steinfiligrans begeistert y Die Begeisterungsfähigkeivdie Gabe, bei aller landesüblichen Skepsis und Intellektualität, sich zu erwärmen, die französische Entzündbarkeit wie andererseits die fast unbegrenzte Toleranz in Angelegenheiten, die dem individuellen Dafürhalten unterliegen — alle diese Eigenschaften sind gewiß altbekannt; aber sie drängen sich heute dem Bewußtsein des Deutschen doch auf, dessen an sich schon geringe Anlagen dazu immer mehr zu verkümmern drohen. Jener berüchtigte "tierische Ernst", mit dem wir uns und anderen das Leben so gern erschweren — man trifft ihn hier kaum. Niemand war beispielsweise entsetzt, niemand rief entrüstet nach Ordnung, als in einer Opernvorsteüung im vornehmen Theätre des