Unter den vielen Fragen, die im Wahlkampf an den Präsidentschaftskandidaten General Eisenhower gerichtet werden, kehrt immer die eine wieder: „Warum haben Sie am Ende des zweiten Weltkrieges darauf verzichtet, Berlin einzunehmen?“ Nun hat der General in einer Rede, die er in Detroit hielt, eine Antwort darauf gegeben:

„Als wir unseren letzten Operationsplan ausarbeiteten, standen unsere Truppen 450 Kilometer von Berlin entfernt, und zwischen uns und Berlin lag die Elbe. Die Russen befanden sich zu dieser Zeit 45 Kilometer von Berlin entfernt. In der Annahme, daß die Russen lange vor uns in Berlin sein würden, und um einen unnötigen Kampf zu vermeiden, entschloß ich mich, längs der Elbe in Stellung zu gehen.

In jenem Augenblick, als wir nur mit großen heroischen Anstrengungen hätten weitermarschieren können, waren aber zwei andere Aufgaben zu erfüllen. Die eine von ihnen bestand darin, die Russen von Dänemark fernzuhalten. Wir mußten mit unserem linken Flügel vorstoßen und dieses tapfere kleine Land davor bewahren, zum zweitenmal von Diktatoren überrannt zu werden. Das haben wir getan!

Zu diesem Zeitpunkt war Berlin bereits eine zerstörte Stadt. Worin lag also die große Bedeutung, die Stadt anzugreifen und einzunehmen, zumal unsere politischen Chefs (der General nannte sie „bosses“) uns bereits gesagt hatten, daß die von uns. zu besetzende Linie 320 Kilometer weiter westlich liege? Nachdem wir die Elbe-Linie und Leipzig erobert hatten, mußten wir uns 2’40 Kilometer von dort zurückziehen, um dahin zu gelangen, wohin unsere „bosses“ uns haben wollten.

Und schließlich möchte ich noch folgendes feststellen, ehe ich je wieder diese Dinge erwähnen werde: Marschall Schukow sagte mir, er habe 22 Divisonen und 2500 Geschütze einsetzen müssen und 10 000 Mann verloren, um die zerstörte Stadt Berlin einzunehmen. Keiner von den tapferen Leuten des Jahres 1952 hat sich bisher erboten, jene 10 000 amerikanischen Mütter herauszusuchen, deren Söhne sich hätten opfern müssen, um ein wertloses Ziel zu erreichen.“

Im Zusammenhang hiermit betonte der General auch, er habe an den Konferenzen von Teheran und Yalta nicht teilgenommen, und fuhr fort: „Auf der Potsdamer Konferenz habe ich zwei Empfehlungen vorgetragen, die aber beide nicht beachtet wurden. Die eine Empfehlung war, Deutschland nicht zu zerstückeln, und die andere ging dahin, Rußland nicht einzuladen oder zu bitten, an dem Kampf gegen Japan teilzunehmen.“

Die Maßnahmen und Empfehlungen General Eisenhowers lassen einen bewundernswerten seherischen Weitblick erkennen, soweit sie die russische Gefahr für Dänemark und die Folgen einer Beteiligung Rußlands am Kampf gegen Japan betreffen. Um so unverständlicher ist es, daß ihn dieser Weitblick im Falle Berlin im Stich gelassen hat. E. K.