Von Richard Neutra

Richard Neutra, heute der führende Architekt Amerikas, wurde kürzlich 60 Jahre. Seit fast dreißig Jahren lebt Neutra in Los Angeles und hat vor allem im Westen des Landes gebaut. Er war Schüler und Mitarbeiter von Frank Lloyd Wright, mit dem er auch in Tokio war, als Wright dort das Imperial Hotel baute. Eine längere berufliche Reise führt ihn gerade jetzt wieder nach Japan. Neutra ist – auch im Technischen – außerordentlich fortschrittlich gesonnen und experimentiert gern mit industriellen Konstruktionen, seinen „prefabricated houses“. Sein Einfluß auf die moderne amerikanische Architektur ist sehr bedeutend. Neutra ist von Geburt Tscheche. Er hat einen außerordentlichen Sinn für Material, Proportionen und auch für den Maßstab des Details. Für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Psychologie wurde ihm der Ehrendoktortitel der Universität Wien verliehen. Aus seinem demnächst bei Oxford Press, New York, erscheinenden Buch „Survival through Design“ stellt uns der große Architekt das folgende Kapitel zur Verfügung:

Wenn wir von Architektur als einem mit akustischen Fragen eng verknüpftem Phänomen sprechen, so denken wir nicht ausschließlich an die gute Vernehmbarkeit eines Redners auf dem Vortragspult oder eines Opernsängers. Akustische Eigentümlichkeiten besitzen einen viel tieferen Einfluß auf den Umstand, daß ein Bauwerk oder ein Raum einen sehr starken emotionalen Eindruck zu erwecken imstande sind. Sie vermitteln zudem ein sehr lebhaftes räumliches Empfinden von einem von Wänden umschlossenen Bezirk oder von Lücken zwischen Gebäuden.

Wenn wir durch das Schiff eines mittelalterlichen Doms schreiten, kann der Hall unserer Schritte auf dem steinernen Fußboden – sogar das Echo eines lichten Räusperns – zu einem lebendigen, schon alles Wesentliche aussagenden Eindruck der architektonischen Besonderheit des Raumes werden oder, was noch wichtiger ist, ihn. überhaupt erst ermöglichen. Diese Geräusche geben genauen Aufschluß über das Material. Steinerne Mauern rufen einen Widerhall hervor, während Samtvorhänge alle Resonanz verschlucken.

Die Klänge einer feierlichen Handlung während einer Messe lassen die ganze Größe der Kirche vor unserem geistigen Auge auferstehen. Es ist ein Irrtum, zu glauben, ein solcher Dom sei nur dazu da, um Kerzen, Sängerchöre und eine tönende Orgel zu „enthalten“ oder „aufzunehmen“. Die Klänge illuminieren auf akustischem Wege den großen Innenraum fürs Ohr, in der gleichen Weise, wie es die Kerzen auf visuelle Art tun. Sie sind nicht in ihm „enthalten“, noch sind sie dekorative Zutaten, wie das durch die bemalten Glasfenster mystisch verklärte Licht. Eine Entwurfsweise, die es versteht, Klangwirkungen zu regeln, erweckt einen großen Teil unserer Vorstellungen von architektonischen Schöpfungen und schafft erst die Möglichkeit dazu. Denn Architektur in ihrem abstrakten Gehalt begreifen und dann ihre „Instrumentierung“ in festen Baustoffen gleichsam noch einmal im Geist nachschaffen zu wollen, wird von vornherein vergebliche Mühe, wenn man das Hineinspielen akustischer Fragen in seiner Wichtigkeit nicht erkennt.

Was wir hiermit meinen, kann vielleicht durch nachstehendes Beispiel deutlich gemacht werden. Eine Filmszenerie, die nur dafür geschaffen worden ist, durch die nachträgliche Projizierung auf die Leinwand das Auge zu unterhalten, ist in Wirklichkeit nicht imstande, auf den Besucher des Filmateliers den gleichen Eindruck zu machen, wie es das gleiche Motiv in natura, hier ein Dom, zu tun vermag. In photographischer, in visueller Beziehung, ist das Szenenbild dem Original naturgetreu nachgebildet und der Stolz des Filmarchitekten. Aber es besteht leider nur aus Papiermache, Atelierpappe über einem dünnen Holzrahmen. Gewiß keine Schande! Aber das Fehlen aller akustischer Eigenschaften, das Unvermögen, die Schwingungen eines Widerhalls zu erzeugen, läßt dieses Szenenbild zu einer ganz anderen, himmelweit vom Original entfernten Welt werden. Denn bei aller noch so trefflichen Wiedergabe in visueller Beziehung entspricht die Reproduktion in akustischer Beziehung nicht der Wirklichkeit. Beim Tonfilm behilft man sich bekanntlich, indem man die Laute eines hallenden Domes in einer mit elektrischen Apparaten versehenen Kammer für sich allein erzeugt und dann auf synthetischem Wege auf den Filmstreifen aufzieht.

Jeder, der Japan bereist oder nur Japanern im Ausland begegnet, wird feststellen, daß ihre Sprechweise und ihr ganzes Benehmen weniger geräuschvoll, viel gedämpfter sind, als wir es beim abendländischen Menschen gewöhnt sind. Japanische Kinder werden durch eine geeignete Erziehung schon früh feinfühlig für Klangwirkungen und Tastempfindungen. Sie brauchen keine gegen Narrenhände gesicherte Umgebung. In einem japanischen Innenraum mit Wänden aus Ölpapier und dünner, über unglaublich zart dimensionierte Rahmen auf Cryptomorenholz gespannter Seide würde wohl ein amerikanisches Kind im Handumdrehen allerlei Unheil anrichten.