Wie es auf der Leinwand versucht wird

Berlin, Ende Juni

Die in Berlin stationierten ausländischen Journalisten sollten entscheiden, welcher deutsche Film des Silbernen Lorbeers für den „Selznick-Preis der Völkerverständigung“ würdig sei. Die Wahl ist ihnen, wie es in ihrer Urteilsbegründung heißt, schwer gefallen, und daß sie Harald Brauns „Herz der Welt“ vorgeschlagen haben, wollen sie als Ausweg aus der Mangellage verstanden wissen. Ihre Preiszuerkennung wirkte um so ernüchternder, als unmittelbar nach ihr zu Beginn der Berliner Filmfestspiele der amerikanische Film „Der Brunnen“ im internationalen Wettbewerb gezeigt wurde. Da ist ein Stoff angepackt, der mutig die heikelste Situation in den Staaten spiegelt: ein kleines Negermädchen, das auf dem Schulweg in einen alten Brunnen stürzt, entfesselt in einer kleinen amerikanischen Stadt eine grimmige Fehde zwischen Schwarzen und Weißen mit allem Dynamit des Rassenproblems. Wie aber die gemeinsame Rettungsaktion des ganzen Ortes schließlich die Ressentiments fortbläst, das ist bei aller krassen Realistik von hohem Gleichniswert.

Gegenüber dieser sauber sachlichen Luft hatte die einzige deutsche Uraufführung „Postlagernd Turteltaube“ einen schweren Stand. Der Produzent, Drehbuchautor und Regisseur Gert T. Buchholz hat beinahe einen politischen Film geschaffen. „Komödie der Angst“ möchte er den Streifen nennen, den er mit jungen und unbekannten Schauspielern ohne Atelier in West-Berlin gedreht hat. Aber das große Problem unserer Zeit, die Angst, verträgt sich schlecht mit der Komödie, und dies Mißverhältnis ist nicht das einzige, was die „Turteltaube“ nicht flügge werden ließ. Vieles davon, wie fünf Bewohner eines Hauses der Sowjetzone bei ihrer Flucht nach Westen in aller Heimlichkeit und allem Mißtrauen gegeneinander verfahren, und auch vieles davon, wie sie auf der Seite der Freiheit von Schwierigkeiten bedrängt werden, hat Züge von bezwingender Gegenwartsnähe. Aber dort, wo die Geflüchteten zu sprechen beginnen, da halten sie Reden, allzu deutsch und gründlich und ohne rechten Sinn für ihre eigene Wirklichkeit.

Zwei auf der vorjährigen Biennale in Venedig werden nun bei den Berliner Filmfestspielen herausgestellt. Der amerikanische Farbfilm „Der Strom“, der vom Sohn des Malers Renoir in drei Jahren in Indien am Ganges wie ein bunter Fries mit breitem Pinsel gemalt, fängt trotz dünner und beinahe überflüssiger Handlung die Faszination eines Landes ein. Der eigenwillige und um die späteren Kinokassen zunächst unbesorgte amerikanische Produzent Mc Eldewney erzählte in Berlin strahlend, wie dieses Experiment gegen den Geschmack inzwischen in USA die Kassen füllt. „Rashomon“ aus Japan verblüffte die Berliner mehr durch die Andersartigkeit des Sehens als durch die beinahe naiv-opernhafte Dehnung der Darstellung. Von den italienischen Filmen, die bisher in Berlin die Leinwand passierten, wirkte sehr nachdrücklich de Sicas „Wunder von Mailand die poetische Legende vom Sieg der guten Armen über die bösen Reichen. Dann war, von den schon anderwärts gerühmten Filmen, auch Schwedens „Sie tanzte nur einen Sommer“ nach Berlin gekommen, dies zarte, behutsame Fest junger Menschen.

Die Franzosen hatten „Fanfan le Tulipe“ geschickt. Die heitere Ironie, mit der hier ein der Historie gegenüber respektloser Zynismus sein ausgelassenes Wesen treibt, hat in Christian Jaque einen Spielführer, der die gesamte geschichtliche Staffage stets genau so, leicht wiegt, wie es das gallische Gemüt sich leisten kann. Gérard Philipe rast in diesem romantisch-ironischen Film, wie Hans im Glück durch die menschlichen Grundsätze. K. W.

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