Von François de Menthon

Der Autor ist der Führer des MRP, der christlich-demokratischen Partei Frankreichs. Außerdem ist er jüngst zum Vorsitzenden der „Beratenden Versammlung“ des Europa-Rats in Straßburg gewählt worden.

Alle diejenigen, die in Frankreich und anderswo der Meinung sind, daß der „Zusammenschluß Europas“ das erste Problem unserer Zeit ist, machen sich Gedanken über das, was man gewöhnlich „Ungewisses Deutschland 1“ oder die „deutsche Dynamik“ nennt. Es ist offenbar daß Europa ohne Deutschland nicht geschaffen werden kann, und das heißt, daß es nicht geschaffen werden kann, ohne daß in Deutschland, wie ebenso in Frankreich, nicht nur demokratische und friedliche, sondern echt europäische Auffassungen herrschen.

Wenn wir unser nationales Schicksal endgültig in einem über unsere Staaten hinausgehenden Rahmen verbinden und unseren Nationalismus überwinden wollen, um zusammen eine neue Gemeinschaft zu gründen, dann fordert dies eine Anstrengung, die zu stark und zu ursprünglich ist, um in Deutschland wie in Frankreich nicht doch Widerstand und Beunruhigung hervorzurufen. Diese Schwierigkeiten, die vor allem psychologischer Art sind, können von Frankreich und Deutschland nur gemeinsam überwunden werden. Auch die stärksten Interessengegensätze lassen sich versöhnen und die Opfer, die unmittelbar von den einen wie von den andern gebracht werden müssen, um zu einer gemeinsamen besseren Zukunft zu gelangen, können Zustimmung finden, unter der Bedingung, daß wir, Deutsche wie Franzosen, ein für allemal unsere gegenseitigen Befürchtungen beiseite lassen.

Dieser erste Willensakt muß auf etwas begründet werden, was ich im Lichte der schmerzlichen Geschichte unserer beiden Länder als eine Gewißheit ansehe: daß nämlich die Einigung Westeuropas für uns, neben andern Vorteilen, die einzige wirksame und dauerhafte Lösung des deutsch-französischen Problems bedeutet. Entweder werden Deutschland und Frankreich beide in eine größere politische Gemeinschaft integriert, nachdem jedes von ihnen auf einen Teil seiner Souveränität verzichtet hat, d. h. so eng verbunden ist, wie die Glieder eines Körpers, oder sie werden in einigen Jahren oder einigen Jahrzehnten abermals in eine Tragödie rennen. Ich jedenfalls sehe es lieber, daß meine Söhne und Enkel dieselbe Uniform tragen wie die Söhne und Enkel der deutschen Soldaten, gegen die ich gestern noch gekämpft habe, als zu erleben, daß sie sich in verschiedenen Uniformen morgen wieder gegenseitig umbringen. Wir wissen sehr gut, daß politische und wirtschaftliche Verträge zwischen uns heute nicht mehr genügen, um unsere Beziehungen zu klären und festzulegen; wir wissen, daß der gute Wille und die Politik der Annäherung, so aufrichtig sie sein mögen, für sich allein unfähig sind, um gewisse Kräfte zu meistern und die Sorgen zu beschwichtigen, die immer wieder auftreten; auch fürchten wir, daß im Kampf um die Bedürfnisse und Interessen keine dauernde Versöhnung allein durch friedlichen Wetteifer zwischen zwei dynamischen benachbarten Völkern möglich sein kann, wenn sie auf dem alten Kontinent, dessen Maße und Grenzen nicht mehr der modernen Welt entsprechen, getrennt und voneinander abgeschlossen bleiben.

Aber es genügt nicht, sich davon zu überzeugen. Unser europäischer Wille verlangt ebenso gegenseitiges Verständnis. Zusammen in eine europäische Gemeinschaft einzutreten, ist nur sinnvoll, wenn wir in voller Gleichberechtigung die Gesamtheit unserer geistigen und materiellen Reichtümer zusammenlegen und wenn wir unser Schicksal endgültig verbinden; wir müssen von Anfang an auf beiden Seiten jede Überlegenheit ausschließen und definitiv jedes Bestreben verbannen, ich sage nicht Vorherrschaft oder auch nur Übergewicht, sondern sogar einen Sondervorteil oder eine relative Überlegenheit des einen über den anderen zu erlangen. Die Deutschen wie die Franzosen müssen überzeugt sein, daß ihr Partner gerade so wie sie, selbst in das geeinte Europa mit einer geistigen Haltung eintritt, die einen Verzicht auf die allzu gewohnten und fast schon natürlichen Formen des Nationalismus, und das Aufgehen ihres eigenen Nationalismus, ihres Vaterlandes und ihrer Zukunft, in der Europa ischen Konzeption in sich schließt.

Können die Deutschen wie die Franzosen im Rahmen eines politisch vereinigten Europa! die Lösung ihrer unmittelbaren und zukünftigen Probleme erwarten und sich ihre ganze Zukunft und Entwicklung im Rahmen eines politisch geeinten Europas vorstellen? Was mich betrifft, so bin ich davon überzeugt. Das moderne Gesetz der großen Wirtschaftsräume schreibt Deutschland ebenso wie Frankreich eine progressive Vereinheitlichung der europäischen Wirtschaft vor. Wir Franzosen und Deutsche können die uns zukommende Rolle in der internationalen Weltpolitik nur durch die Vermittlung des geeinten Europas spielen. Wir werden unsere Sicherheit und unseren Völkern den Frieden nur garantieren können in einem vereinten Europa. Weit davon entfernt, unsere geistigen Traditionen und Reichtümer zu negieren, ist Europa gerade das Mittel, sie zu steigern und zu verewigen; mit Hilfe Europas können wir zusammen erneut unseren Einfluß auf die Entwicklung der Zivilisation und auf den menschlichen Fortschritt ausüben.