Von Bundeskanzler Konrad Adenauer

Die Regierungen Frankreichs und der Bundesrepublik haben sich ehrlichen und aufrichtigen Herzens für eine Politik der europäischen Gemeinschaft entschieden. So sicher es ist, daß diese Verständigungspolitik dem Willen und Drängen der französischen und der deutschen Jugend entspricht, so war ich mir bei meinen Bemühungen, diese Politik zu verwirklichen, doch auch immer klar darüber, daß auf dem Wege zu dieser Gemeinschaft unendlich viele psychologische Schwierigkeiten und Hemmungen zu überwinden sind. Das zeigte sich bereits bei der Behandlung des Schumanplanes, und die gleiche Erfahrung trat noch viel deutlicher bei den Beratungen über die Bildung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft in Erscheinung. Eines aber ist sicher: Wollen wir Deutsche die volle Partnerschaft – und darüber bestehen ja keine Meinungsverschiedenheiten –, dann können wir Deutsche ebensowenig vor der Organisation der Verteidigung haltmachen, wie die Franzosen es sich, gestatten dürfen, den Ungeist der Vergangenheit künstlich am Leben zu erhalten. Sie werden sich vielmehr dazu entschließen müssen, das Vergangene vergangen sein zu lassen und mit uns zusammen ausschließlich den Blick in die Zukunft zu richten.

Auf der Erinnerung unserer beiden Völker lasten viele schlimme Erfahrungen, Mißverständnisse und Irrtümer. Unsere Aufgabe muß es daher sein, diese kurz entschlossen auszuräumen, um zu verhindern, daß dieser Ballast, von Generation zu Generation geschleppt, uns untereinander immer mehr entfremdet. Wir können uns diesen gegenseitigen Hader nicht mehr leisten, weil wir heute vor der geschichtlichen Notwendigkeit stehen, einen Zusammenschluß aller derjenigen Völker herbeizuführen, die wie wir um die Erhaltung der abendländischen Werte mit ihren freiheitlichen Maximen bemüht sind.

Unsere moderne Welt duldet kein Abseitsstehen mehr. Infolge der Entwicklung der Technik und der wirtschaftlichen Verflechtung – beides bestimmende Faktoren der Gegenwart – hat der nationale Isolationismus früherer Zeiten selbstmörderischen Charakter angenommen. Diejenigen Völker, die die Zeichen der Zeit verstehen und die guten Willens sind, müssen daher, wenn sie vor dem Urteil der Geschichte bestehen wollen, neue Formen ihres staatlichen Zusammenlebens entwickeln, die in erster Linie der Betonung der Idee der Gemeinsamkeit dienen. Die ältere Generation mag hierbei aus der Haltung der europäischen Jugend die Kraft für die Vollendung dieser großen Gegenwartsaufgabe schöpfen. Die Jugend von heute – welche Sprache sie auch sprechen mag – trägt in ihrem Herzen das Bild einer kommenden Zeit, die keine Grenzen mehr zwischen den Völkern unseres ehrwürdigen Erdteiles kennt. Unsere Aufgabe ist es daher, die Sehnsucht unserer Jugend zu verwirklichen.

Ich glaube fest daran, daß die historischen Notwendigkeiten sich zwangsläufig durchsetzen werden. Das Zeitalter der Nationalstaaten gehört der Vergangenheit an – einer eifersüchtigen, blutgetränkten Vergangenheit –; die Zukunft soll und muß anders gestaltet werden! Nur das Beharrungsvermögen, in verstaubten Büchern niedergelegt und in den verräucherten Versammlungslokalen nationalistischer Demagogen immer wieder künstlich zu geistlosem Leben erweckt, hat bisher den Durchbruch einer Zeitenwende verzögert. Politik aber heißt, den Zug der Entwicklung zu erkennen und auch danach zu handeln. Daher ist es heute unsere vornehmste und wichtigste Aufgabe, den Ballast der Vergangenheit aus dem Wege zu räumen, um so schnell wie möglich zum Ziele zu gelangen.

In diesem Geiste haben in den drei letzten Jahren die Regierungen Frankreichs und der Bundesrepublik an dem großen Verständigungswerk gearbeitet. Sie haben sich dabei zu keiner Stunde von den immer neu auftauchenden Schwierigkeiten entmutigen lassen. Trotzdem gebietet unsere nüchterne Überlegung die, Feststellung, daß die Unterzeichnung der Verträge, die einen ersten Schritt zur Verwirklichung einer europäischen Gemeinschaft darstellen, diesseits und jenseits der deutsch-französischen Grenze ohne Enthusiasmus aufgenommen worden ist. Warum? Einfach deshalb, weil das, was mit diesen Verträgen geschaffen worden ist, notwendigerweise angesichts des Vorhandenseins des Eisernen Vorhanges, der Europa aufteilt, keine letzte Vollendung ist. Die Sehnsucht der europäischen Jugend kennt keinen Eisernen Vorhang. Sie umschließt in ihren Träumen alle Nationen, die einen europäischen Namen tragen. Und dennoch, eines muß festgestellt werden: Es ist besser und politisch in jedem Falle richtiger, das Mögliche zu tun, statt mit dem Nachtrauern über das zur Zeit Unmögliche auch das zur Zeit Mögliche zu versäumen!

Es gibt keinen deutschen Menschen, für den nicht die Wiedervereinigung des durch den Eisernen Vorhang zerrissenen Vaterlandes den Ausgangspunkt seines politischen Denkens und Handelns darstellt. Die Wiederherstellung der deutschen Einheit ist das erste Anliegen des gesamten deutschen Volkes, das nur den einen Wunsch besitzt, in Frieden und Freiheit zu leben. Aber eben auch in Freiheit! Eine Einheit von Moskaus Gnaden in dem Sinne, daß ganz Deutschland auf den Status eines sowjetischen Satelliten herabsinken, mithin auch die Freiheit in der Bundesrepublik vernichtet würde, wäre keine Einheit, sondern die Kapitulation vor dem Machtanspruch des Kremls. Über die Richtigkeit dieser These sind sich alle Deutschen ohne Rücksicht auf ihre Parteizugehörigkeit, mögen sie im Bundestag hinter der Regierung oder der Opposition stehen, einig. Gerade deshalb aber ist es für mich unverständlich, Wenn da und dort in Frankreich immer wieder Befürchtungen geäußert werden, Bonn könnte sich eines Tages mit Pankow, also mit der SED, den Agenten Moskaus, verständigen.