Fast drei Jahre hat Pia Lindström ihre Mutter Ingrid Bergman nicht mehr gesehen. Sie lebt in Los Angeles bei ihrem Vater, Dr. Peter Lindström, der sie nicht mehr mit dem Namen Pia ruft, weil dieser eine besondere Bedeutung aus glücklichen Ehejahren hat, sie heißt jetzt Jenny Ann. Nun wünschte Ingrid Bergman den Besuch ihres Kindes, das bei der Scheidung dem Vater zugesprochen wurde. Dr. Lindström aber weigerte sich, das Kind nach Italien reisen zu lassen, und Pia (oder Jenny Ann) erklärte selbst vor dem Gericht: „Ich habe meine Mutter nicht sehr lieb.“

Findet man es in Ordnung, daß diese Nachricht als Schlagzeile durch die Weltpresse geht, als handle es sich um einen Thronwechsel in England oder den Abschluß des Generalvertrags? Hat man das Gefühl dafür verloren, daß die privatesten Dinge Sache der unmittelbar Beteiligten bleiben müssen?

Spürt man nicht, daß dieses Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit, das auf die Intimitäten der Häuser Lindström und Rossellini ausgestrahlt wird, eine fatale Ähnlichkeit mit jenen Jupiterlampen hat, in deren grellem Schein die Verhafteten der NKWD zu Geständnissen gezwungen werden?

Wenn man dem Teufel den kleinen Finger gibt, nimmt er die ganze Hand. Viele Zweige des modernen Kulturbetriebes sind darauf angewiesen, daß das Publikum neugierig bleibt auf die rein privaten Schicksale prominenter Persönlichkeiten. Wer sich diesem Kulturbetrieb verschreibt, hat auf den Schutz seines Privatlebens vor indiskreten Blicken von vornherein verzichtet. Je höher sein Ruhm steigt, desto mehr ist er der unbarmherzigen Neugier ausgeliefert. Er ist einer Diktatur unterworfen, die nicht weniger mitleidlos ist als die politischen Diktaturen: der Diktatur der Zweckmäßigkeit und des kommerziellen Nutzens, die den Namen Publicity trägt.

Vielleicht ist es Ingrid Bergman oft nicht weniger peinlich als uns, daß man so viel von ihren Privatangelegenheiten spricht. Aber eine Frau, die sich in das Licht der Publicity hat stellen lassen, kann nun einmal nicht mehr Mutter sein wie andere Mütter, und auch ihr Kind kann nicht mehr Kind sein wie andere Kinder. E. V.