Im Jahre 1938 entfiel auf den Kopf der französischen Bevölkerung ein Weinverbrauch von jährlich 181 Litern, während die entsprechend vertilgten Bierquantitäten nur 20,6 Liter betragen. Im Jahre 1949 war der „Kopfverbrauch“ an Tisch-und Flaschenweinen auf 126 Literzurückgegangen, der Bierverbrauch dagegen auf 38,4 Liter gestiegen. In den letzten beiden Jahren 1950 und 1951 ist der Weinkonsum erneut gestiegen. Insbesondere hat nach Aufhebung verschiedener Gesetze, die während des Krieges die Herstellung „tonischer Weine“ und stark alkoholhaltiger Apéritifs einschränkten, der Gesamtverbrauch an Alkohol pro Kopf der Bevölkerung wieder zugenommen. Nichts ist aber irreführender als die Behauptung, die langsame Wiederzunahme des Alkoholverbrauchs und insbesondere der Mehrkonsum an Wein untergrabe die französische Volksgesundheit. Der Geburtenüberschuß des Landes steigt seit 1946 von Jahr zu Jahr, seine Kinder sind gesund.

Jede Flasche Wein, die heute eine der großen und kleinen Kellereien Frankreichs verläßt, stellt eine Konzentrierung jahrelanger Arbeit dar. Die aus dem Weinbau gezogenen Gewinne wiegen allerdings für den französischen Außenhandel weniger schwer, als die werbepsychologische Wirkung, die vom französischen Wein ausgeht. Jede Flasche Markenwein, die exportiert wird, trägt den Ruhm der französischen Weinindustrie in alle Welt. Diese Industrie rekrutiert sich vielfach noch aus kleinen und kleinsten Rebparzellen, im Süden, im Osten, wie im Norden. Aber diese Zerstückelung in einzelnen, individuell kultivierten Rebbesitz ist charakteristisch für den persönlichen Anteil, den die Arbeit des Weinbauern an der Erreichung der Qualität beansprucht. In der Gironde (Bordeaux) zum Beispiel entfallen auf 65 000 Rebbesitzer 52 000, von den en jedennoch nicht einmal 100 Hektoliter Jahresertrag ausweist. Im Sauternesgebiet besitzen 96 v. H. aller Betriebe weniger als 10 ha Anbaufläche, in Nuit-St. Georges (Burgund)sind es sogar nur 2 v. H. und im berühmten Weinort Pomerol (Medoc) beläuft sich der Durchschnittsbesitz der Rebparzelleneigner nur auf 6 ha.

Die französischen Berufsverbände sind sich denn auch der Tatsache bewußt, daß ihre Weine als außerordentliche Botschafter nicht nur der Qualität der Reberzeugnisse, sondern darüber hinaus der gesamten französischen Gastronomie zu gelten haben. Der französische Weinexport hat sich trotz der durch den Kaufkraftschwund in allen Ländern geschaffenen, mehr oder weniger dauernden Absatzkrise in den letzten drei Jahren auf erfreulich hohem Niveau gehalten. Das geht unter anderem aus den Monatsdurchschnitts- ziffern der amtlichen Exportstatistik hervor, die in nachfolgender Tabelle zusammengefaßt sind.

Im Jahre 1951 wurden – nach den sicherlich unparteiisch aufgestellten Ziffern der OEEC-Statistik 421 665 Tonnen an verschiedenen alkoholhaltigen Getränken, also nicht nur an Weinen, sondern auch an Likören und Aperitifs aus Frankreich nach den Ländern der eigenen, ‚Union Française“ und ins devisenbringende Ausland exportiert und dafür 137,86 Mill. Dollars vereinnahmt. Weniger bekannt ist, daß im vergangenen Jahr weit größere Mengen, nämlich 1085156 Tonnen alkoholhaltiger Getränke im Gesamtwert von 162,26 Mill. Verrechnungsdollars ins französische Mutterland eingeführt wurden. Der Hauptteil entfällt natürlich auf nordafrikanische Weine. Immerhin ist es bemerkenswert, daß ein Land, dessen Weinproduktion auch in den letzten vier Jahren um das Mittelniveau von 50 Millionen Hektoliter schwankte, seine Grenzen durchaus nicht gegen die Einfuhr ausländischer Weine abzuschließen braucht, sondern, wenn auch mit dem nötigen Zollschutz, ausländische Weine, zum Beispiel billige ausländische Tischweine aus Spanien, Italien und Griechenland zur Nuancierung der Wein Versorgung einer 43-Millionen-Bevölkerung zu verwenden und zu schätzen weiß.

Gewiß sind Weine und insbesondere Qualitätsflaschenweine, außenhandelspolitisch betrachtet, zwar zu einem essentiellen Exportgut, aber, vom Standpunkt des ausländischen Importeurs aus, nicht immer zu einem wesentlichen, das heißt für die Wirtschaft des Einfuhrlandes unentbehrlichen Importgut geworden. So standen auch die deutsch-französischen Handelsbeziehungen der letzten Jahre immer wieder im Zeichen der Divergenz zwischen den französischen Exportbedürfnissen an alkoholischen Getränken und dem verständlichen Bestreben der westdeutschen Bundesrepublik, den eigenen Weinbau gegen eine Überschwemmung mit französischen Weinen zu schützen und die nicht sehr reichlichen Devisenreserven zum Import lebenswichtigerer Nahrungsmittel und Industrieprodukte rationell auszunutzen. Gewiß sind wir weit von jenen glücklichen Zeiten entfernt, da man in den Ratskellern von Hamburg, Bremen und Lübeck Bordeaux und Burgunderweine, die ohne jegliche Kontingente eingeführt werden konnten, nicht selten billiger und besser trank, als in der französischen Weinheimat. Die wirtschaftsverbindende Rolle, welche der Wein gerade in den deutsch-französischen Beziehungen spielt, darf aber auch im Zeitalter der Einfuhrrestriktionen und der Schutzzölle nicht verkannt werden. Verkörpern französische Weine doch, als Sendboten der französischen Extraqualität, zugleich auch jenes Prinzip des freien Wettbewerbs, der dem Gedanken der künftigen europäischen Wirtschaftsintegrierung, sowohl auf industriellem wie auf landwirtschaftlichem Gebiete, zugrunde liegt.