Anfang August 1936 startete Saint-Exupery im Flugzeug nach Barcelona. Von einem Besuch der Front bei Lerida schickte er folgenden Bericht, der im „L’Intransigeant“ erschien, in Deutschland jedoch bisher nicht veröffentlicht wurde. Wir drucken diese Reportage in unserer Frankreich gewidmeten Ausgabe, weil sie den ganzen Saint-Exupery zeigt, den wir so lieben: ein Kämpfer auf der Suche nach Menschlichkeit.

Innerhalb von zwei Tagen, die ich an der Front damit verbrachte, mich auf den Wegen vorwärtszutasten, habe ich nicht einen Schuß gehört. Ich konnte nichts feststellen, außer den Straßen, die nirgends hingelangen. Sie schienen freilich weiterzuführen, durch neue Ernten und neue Weinlesen, aber es handelte sich da um eine andere Welt. Sie wurden für uns zu verbotenen Wegen, wie jene Straßen in Überschwemmungsgebieten, die langsam im Wasser versinken. Auf den Kilometersteinen las man zwar: Saragossa 15 Kilometer. Aber Saragossa schlief wie Vineta unerreichbar unter dem Meere.

Gewiß hätten wir mit etwas mehr Glück jene entscheidenden Punkte erreichen können, wo die Artillerie brummt und die großen Generäle kommandieren. Aber es gibt so wenig Truppen, so wenig Generäle, so wenig Artillerie. Zweifellos hätten wir auf marschierende Massen stoßen können: Es gibt an der Front Knotenpunkte, wo gekämpft und gestorben wird. Aber es bleibt so viel Raum dazwischen. Überall, wo ich meine Beobachtungen anstellte, glich die Front einer großen offenen Tür.

Und obwohl es hier Strategen und Kanonen und Truppentransporte gibt, scheint es mir, daß sich der Krieg hier nicht abspielt. Ein jeder wartet darauf, daß etwas aus dem Unsichtbaren entspringt... Der Gedanke marschiert; der Gedanke belagert, mehr als der Soldat. Die Idee ist die große Hoffnung und der große Feind. Es scheint mir, daß einige Fliegerbomben, einige Granaten und einige Milizsoldaten für sich allein nicht die Macht haben zu siegen. Jeder Verteidiger, der sich verschanzt hat, ist stärker als hundert Angreifer ... Aber vielleicht ist der Gedanke auf dem Marsche...

Von Zeit zu Zeit wird angegriffen. Von Zeit zu Zeit wird der Baum geschüttelt. Aber das geschieht nicht, um ihn zu entwurzeln, sondern um festzustellen, ob die Frucht reif ist. Dann fällt eine Stadt...

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Ein Freund berichtete mir folgendes Erlebnis: Er schlendert eine leere Straße entlang, als ein Milizsoldat ihn anruft: „Gehen Sie auf der Fahrstraße!“