Der Autor, der seit Jahren im publizistischen Leben Amerikas steht, ist von uns gebeten worden, über den Stand der Wahlkampagne zu berichten. Seinen eigenen Standort beschreibt er wie folgt: „Normalerweise stimme ich bei Präsidentschaftswahlen für die Demokraten, und ich werde dies wahrscheinlich auch in diesem Jahr wieder tun. Wenn jedoch General Eisenhower von den Republikanern nominiert wird, kann es sein, daß ich ihm meine Stimme gebe, was freilich davon abhängt, wer schließlich der demokratische Kandidat sein wird. Wenn aber Senator Taft nominiert wird, dann werde ich in jedem Falle für die Demokraten stimmen, wer auch immer ihr Kandidat sein mag.“ Dieses Bekenntnis ist deshalb interessant, weil es die Einstellung sehr vieler parteipolitisch nicht festgelegter Amerikaner wiedergibt.

C. E. New York, Ende Juni 1952

Bei der Wahl des amerikanischen Präsidenten kommt es – wie in den meisten Zweiparteienländern – vor allem auf die Entscheidung der sogenannten unabhängigen Wähler an, also derjenigen, die in keiner Partei festgelegt sind. Die Grundstimmung des amerikanischen Volkes ist heute von zwei Gesichtspunkten beherrscht: einmal von einer gewissen Anhänglichkeit an den New deal und den Fair Deal, die beide demokratische Erfindungen sind, und zum anderen von einer ausgesprochenen Sehnsucht nach Sauberkeit und Anstand. Die Überzeugung, daß die Demokraten einfach zu lange an der Regierung gewesen seien und man also grundsätzlich der anderen Partei eine Chance geben sollte, ist daher weit verbreitet.

Angesichts dieser beiden, im Grunde einander widersprechenden Tendenzen schien Eisenhower als Präsidentschaftskandidat eine ideale Lösung zu sein. Die unabhängigen Wähler meinten nämlich, daß der General zwar mit der Korruption aufräumen und eine neue Garnitur heranbringen würde, daß er im Herzen aber doch gewissermaßen ein unabhängiger Demokrat sei, der mit Kraft, Überzeugung und Sauberkeit die alte Politik weiterführen werde.

Einstweilen jedoch hat noch nicht das Volk zu sprechen, sondern zunächst einmal liegt die Entscheidung bei den Delegierten, die im Juli auf den beiden Parteikonventen den Kandidaten bestimmen, den jede Partei herausstellen will. Die Wahlkampagne für den Konvent der Republikaner war bisher eine Schlacht zwischen der Parteimaschine, die vollkommen von Taft kontrolliert wird und Eisenhower. Hinter Taft stehen die meisten Farmer und die überwiegende Mehrheit der Republikaner im Mittelwesten. Eisenhower hat die Staaten entlang der Ost- und Westküste für sich und auch die meisten großen Zeitungen. Aus dieser Tatsache geht deutlich hervor, daß der überwiegende Teil der Intelligenz für Eisenhower ist. Unter den Geschäftsleuten, den Bankiers, Exporteuren und Großindustriellen tendiert man im allgemeinen ebenfalls zu Eisenhower, während die kleineren Industriellen, die von Schutzzöllen abhängig sind, mehr für Taft sind.

Als Eisenhower aus Europa zurückkam, schien er genau die gleichen Chancen für die Nominierung zu haben wie Taft, obgleich dieser bereits etwa 40 Delegierte mehr auf seiner Seite hatte. Dann aber verlor Eisenhower schon drei Tage nach seinem Erscheinen auf der politischen Bühne die so entscheidende Vorwahl in South Dakota. Man hatte mit Sicherheit angenommen, er werde sie gewinnen, aber er verlor sie um die geringfügige Zahl von 800 der insgesamt 120 000 abgegebenen Stimmen. Der psychologische Effekt war verheerend. Daß Taft in South Dakota gewann, ist vorwiegend General Albert Wedemeyer zuzuschreiben, der aus dem Nachbarstaat Nebraska kommt und die anziehendste und ehrenwerteste Persönlichkeit im Taftschen Lager ist. Er hatte vor allem die Deutschamerikaner angesprochen, die in South Dakota und im ganzen Mittelwesten eine verhältnismäßig große Rolle spielen. Und zwar in der Weise, daß er Eisenhower kurzerhand für alle Fehler, die von Mergenthau angefangen über Potsdam und die ersten Jahre der Besatzungszeit in Deutschland gemacht worden sind, mitverantwortlich machte.

Neben diesem entscheidenden Rückschlag wirkt sich ein anderer Umstand nachträglich für ihn aus, nämlich die – trotz der riesigen Beträge, die ihm zur Verfügung stehen – schlechte Organisation in seinem Lager, das in zwei Gruppen aufgespalten ist. Der Führer der einen ist der Gouverneur von New York, Thomas E. Dewey, dessen großen politischen Fähigkeiten es zweimal hintereinander gelungen ist, die republikanische Nominierung zu bekommen. Die andere Gruppe wird geführt von Paul Hoffmann, dem früheren Leiter des Marshall-Plan-Amtes, dem die Senatoren Duff und Cabot Lodge zur Seite stehen. Diese Gruppe, der das politische Geschick und das weitverzweigte Netz politischer Freunde, über das Dewey verfügt, fehlt, ist für die Eisenhowersche Wahlkampagne verantwortlich.