Von Professor Dr. Bentz, Hannover, Präsident des Amtes für Bodenforschung

Wie aus dem jetzt vorliegenden Jahresbericht des Wirtschaftsverbandes Erdölgewinnung hervorgeht, hat die Förderung deutschen Erdöls und Erdgases weitere erfreuliche Fortschritte gemacht. Die Erdgasproduktion des Jahres 1951 beträgt 83,48 Mill. cbm und übersteigt damit die Förderung von 1950 um 15,92 Mill. cbm. Ferner wurden im Berichtsjahr die Felder Hohne und Hemmelte-West erdölfündig.

Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft seit der Währungsreform spiegelt sich auch in den Zahlen der deutschen Erdölgewinnung der letzten Jahre wider. Und zwar wurden 1948 0,64 Mill. t, 1949 0,84 Mill. t, 1950 1,12 Mill. t und 1951 1,37 Mill. t gefördert. Schon während des zweiten Weltkrieges war vorübergehend die Millionengrenze überschritten worden. Aber es handelte sich damals um eine forcierte kriegsbedingte Maßnahme, während die Steigerung in der Nachkriegszeit in einem wohlabgewogenen Verhältnis zu den nachgewiesenen Vorräten steht.

Rund 99,5 v. H. dieser Förderung stammen aus Nordwestdeutschland, wo vier größere Fördergebiete, nämlich der Raum Hannover-Celle, das Emsland, die Umgebung von Hamburg und die Gegend von Heide (Schleswig-Holstein) vorhanden sind. Die Entwicklung ging von Hannover-Celle aus, wo schon im Mittelalter natürliche Ölaustritte, sogenannte Teerkuhlen, bekannt waren. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts begann die systematische Erdölsuche durch Bohrungen, allerdings mit sehr wechselndem Erfolg. Die komplizierten geologischen Verhältnisse und die Tatsache, daß die erdölführenden Schichten der Tiefe durch oberflächliche Ablagerungen verschleiert werden, belasten jeden Bohrversuch mit einem großen Risiko. Es ist bezeichnend, daß es bis 1934 nur gelang, Öl an den vier Stellen (Wietze, Nienhagen, Eddesse, Oberg) zu finden, die sich durch oberflächennahe Ölspuren bemerkbar gemacht hatten. Alle Versuche, in größerer Entfernung von diesen klassischen Fundstellen neue Lagerstätten zu erbohren, schlugen fehl.

Die grundsätzliche Wandlung erfolgte erst etwa 1930, als die Methoden der Erdölgeologie durch geophysikalische Verfahren wesentlich verbessert wurden. Seitdem hat die Geophysik einen ungeahnten Aufschwung genommen, und es gibt heute praktisch kein Bohrvorhaben mehr, das nicht durch eingehende geophysikalische Vermessungen vorbereitet wird. Die erwähnten alten vier Ölfelder Hannovers liegen am Rande von Salzaufpressungen aus der Tiefe, sogenannten Salzstöcken, die sich durch geophysikalische Verfahren sehr gut nachweisen lassen. Von 1934 an wurde ganz Nordwestdeutschland durch die geophysikalische Reichsaufnahme mit Hilfe verschiedener Methoden vermessen, wodurch zu den bisher bekannten 20 Salzstöcken nicht weniger als 180 neue hinzutraten. Damit konnten aber auch die Erdölchancen für dieses weite Gebiet sehr viel günstiger als bisher beurteilt werden, und es gelang, in rascher Folge eine Reihe neuer Felder, wie z. B. Heide in Holstein, Reitbrook bei Hamburg, Broistedt, Gifhorn usw. aufzufinden.

Die enge Zusammenarbeit zwischen Geologie und Geophysik zeigte aber außerdem, daß auch noch andere Möglichkeiten zur Ansammlung von Erdöl bestehen, die nicht an die Salzstöcke geknüpft sind. Ausgehend von geologischen Untersuchungen im preußisch-holländischen Grenzgebiet, wurden die Bohrversuche auf das Emsland ausgedehnt, und hier fand man während des Krieges Felder, die an sattelförmige Aufwölbungen gebunden sind. Das war ein grundsätzlicher Fortschritt, weil in diesem neuen Feldertyp die Lagerungsverhältnisse sehr viel einfacher und regelmäßiger sind als an den Flanken der oder über den stark aufgepreßten Salzmassen. Die Emslandfelder gestatteten daher auch zum ersten Male eine Schätzung der deutschen Ölvorräte und die Möglichkeit, sowohl die Entwicklung der Felder wie den Bau von Verarbeitungsanlagen der Vorratssituation anzupassen.

In der Nachkriegszeit wurden die geophysikalischen Methoden, insbesondere durch Anwendung von reflexionsseismischen Untersuchungen, weiter ausgebaut. Sie gestatteten nicht nur die Feststellung von schwach geneigten Wellungen der Untergrundschichten, sondern ermöglichten auch sehr genaue Aussagen über die Lagerung der Schichten bis in Tiefen von 4000 m und’5000 m, in günstigsten Fällen sogar bis zu 8000 m und 9000 m. Es ist klar, daß damit das Risiko für Fehlbohrungen erheblich eingeschränkt wurde. Man stellte sich die Aufgabe, im Räume von Hannover und Celle das Gebiet zwischen den ölführenden Salzstrukturen näher zu untersuchen. Früher hieß es, daß es sich hierbei um einfach gebaute Muldengebiete handelt, in denen Strukturen fehlen, die zur Ansammlung von Öl führen könnten. Die moderne Reflexionsseismik zeigte aber bald, daß auch diese Zwischengebiete eine komplizierte geologische Geschichte haben und daß in ihrem Untergrund tiefliegende „Zwischenstrukturen“ vorhanden sind: beulenartige Aufwölbungen oder Schleppungen an Brüchen, die sich erst in größeren Tiefen zwischen 1000 m und 2000 m bemerkbar machen. Der erste Fund an einer solchen Zwischenstruktur war das 1949 erbohrte Feld Suderbruch, dessen Förderung heute an der Spitze der hannoverschen Felder liegt. Ähnliche tiefliegende Domungen erwiesen sich 1950 bei Eidringen und 1951 bei Hohne als gut erdölführend. – Wenn es eine Zeitlang so aussah, als ob das alte Ölgebiet um Hannover gegenüber den Neuentdeckungen im Emsland ganz zurücktreten würde, so haben diese neuen Funde bewiesen, daß auch hier noch ungeahnte Möglichkeiten vorhanden sind. 1951 übertraf die Förderung dieses Gebietes mit 639 000 t sogar die des Emslandes mit 601 000 t.