Zum 125jährigen Jubiläum der „Gothaer Leben“

Die älteste deutsche Lebensversicherungsgesellschaft,die Gothaer, bereits bei ihrer Jahrhundertfeier 1927 als ein Unternehmen von hohem Rang und ausgeprägter Eigenart, von bester Tradition und bahnbrechendem Wirken gewürdigt, hält in diesen Tagen Rückschau auf ihre 125jährige Geschichte. Die Gründung der Gothaer. durch E. W. Arnoldi war 1827 eine nationale Tat. Denn bis dahin hatten die Deutschen bei ausländischen Lebensversicherungs-Aktiengesellschaften gegen hohe Prämien versichern müssen. Arnoldi hatte in einer Zeit, die noch von den Grundsätzen eines unbeschränkten wirtschaftlichen Individualismus beherrscht war, die Gothaer in der damals neuen Gesellschaftsform einer Versicherungsunternehmung auf Gegenseitigkeit gegründet, die sich bis auf den heutigen Tag bewährt hat. Das Vermögen der Gothaer gehört danach der Gesamtheit ihrer Versicherten, denen auch die Überschüsse unverkürzt zufließen. Vertreter der Versicherungsnehmer bilden das oberste Organ, die „Mitgliedervertretung“. Nach diesem Vorbild wurden später im In- und Auslande zahlreiche andere Gegenseitigkeitsunternehmungen gegründet.

Für die bahnbrechende Tätigkeit auf dem Gebiet der Versicherungstechnik, des Versicherungsrechts und der -medizin zeugen u. a. die Namen Hopf, Karup, Samwer und Florschütz. Im Zeichen wachsender Stärke konnte die Gesellschaft ihr Geschäftsgebiet auf das Ausland ausdehnen. Nach Jahrzehnten stetigen Aufstiegs erreichte die Gothaer 1918 einen Versicherungsbestand von 1,24 Mrd. M und ein Vermögen von fast 500 Mill. M. Als nach dem ersten Weltkrieg infolge der Währungszerrüttung ihr Versicherungsbestand und ihr Vermögen entwertet waren, mußte die Gothaer um ihre Selbständigkeit und um ihre Existenz kämpfen. Diesen schweren Kampf hat sie unter Beibehaltung der Gegenseitigkeitsform aus eigener Kraft erfolgreich bestanden. In der Aufbauperiode 1924 bis 1944 wurde aus bescheidensten Anfängen heraus allmählich wieder ein Versicherungsbestand von 1,25 Mrd. RM erarbeitet. Die finanzielle Stärke ermöglichte es der Gothaer, für Kriegssterbefälle 1939/45 über 66 Mill. RM ohne Schwierigkeiten auszuzahlen. Ihre innere Kraft und ihren Unternehmungsgeist hatte sie bereits 1924 durch die Gründung der Gothaer Allgemeinen Versicherung A.G. für Unfall-, Haftpflicht-, Kraftverkehrs-, Transportversicherung usw. bewiesen. Diese Gesellschaft hat sich sehr gut entwickelt und 1951 ihre Prämieneinnahme gegenüber 1939 in dem jetzt stark verkleinerten Arbeitsgebiet fast verdoppelt.

Was die zu neuer Blüte in den Jahren 1924 bis 1944 entwickelte Gothaer mit einem Versicherungsbestand von 1,25 Mrd. RM und 60 Mill. RM Jahresprämie wieder aufgebaut hatte, geriet 1945/46 in die Katastrophe des Zusammenbruchs. Das gesamte in der russischen Zone liegende Vermögen der Versicherungsgesellschaften wurde entschädigungslos enteignet. das Versicherungswesen verstaatlicht, und die Weiterarbeit unmöglich gemacht. Nur der Entschluß, die Gothaer aus Thüringen nach den Westen zu verlagern, konnte sie vor dem Untergang retten. Im März 1946 erfolgte die Verlagerung der Gothaer Leben ebenso wie der Gothaer Allgemeinen nach Göttingen. Unter den denkbar schwierigsten Verhältnissen gingen bei einer Überfülle unproduktiver Arbeit die Neuordnung und die Bestandsbereinigung in zielbewußte Arbeit gut voran. Der seit der Währungsreform aufgebaute Versicherungs- und Vermögensbestand sowie ihre Betätigung als Kapitalgeber für volkswirtschaftlich wichtige Zwecke, wie z. B. für den sozialen Wohnungsbau, können die Gothaer mit Befriedigung erfüllen. Das wird der Öffentlichkeit demnächst in den Berichten und DM-Bilanzen der Gothaer dargelegt werden.

Der erfolgreiche Wiederaufbau hat gezeig:, daß das Vertrauen ungeschmälert geblieben ist. Dies hat vor allem seinen Grund in den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen, den versicherungstechnischen und sozialen Leistungen der Gothaer, in ihrem ehrlichen Bestreben, in vornehmer Geschäftsgebarung ihren Versicherten als Gegenseitigkeitsunternehmung den denkbar besten Versicherungsschutz zu den Selbstkosten zu gewähren und gemäß ihrer Satzung in Zweifelsfällen bei Versicherungsleistungen zugunsten der Versicherten zu entscheiden. Es kommt hinzu, daß die führenden Männer der Gothaer sich seit ihrer Gründung bis auf den heutigen Tag traditionsgemäß über ihren eigentlichen Arbeitskreis hinaus stets für die gemeinsamen Interessen der Versicherungswirtschaft und -wissenschaf: und für sonstige Aufgaben des deutschen Wirtschaftslebens zur Verfügung gestellt und ihr bereitwillig Zeit und Kraft geopfert haben. So darf die alte Gothaer rückblickend auf eine 125jährige bewegte, an Erfolgen reiche und stolze Geschichte auch für ihre zukünftige Entwicklung erfüllt sein von berechtigter Zuversicht und stolzem Vertrauen. Hans Ullrich