Auch wer nicht „Niedersachse“ ist, erfährt das Programm dieser Verbindung am Schwarzen Brett in einem Wandelgang der Hamburger Universität. Dort hängt es zwischen vielen anderen Schwarzen Brettern: demder Verbindung „Albingia“, der Burschenschaft „Hansea“, dem Aushang des „Corps Thüringia Jena zu Hamburg“, des „Corps Irminsul“ ...

Aber die Wandelhalle der Universität täuscht: Nur die Schwarzen Bretter prangen in den bunten Farben der Verbindungen – die Masse der Studenten ist „farblos“. Genau acht Prozent gehören in Hamburg einer Verbindung an. Freilich ist die Mitgliederzahl im Steigen, freilich ist der Prozentsatz an den älteren Universitäten in den kleineren Städten schon bedeutend höher; aber selbst dort, wo die Korporationen am stärksten sind, zählen sie nicht die Hälfte der Studenten. Deshalb zeigen sich die Probleme der Studenten von heute auch nicht an den „Farbentragenden“, sondern an den „Farblosen“.

Die Studierenden von heute sind die zweite Studentengeneration nach dem Kriege. Gewiß: oftmals sind sie nur ein paar Jahre jünger als jene Männer und Mädchen, die 1945 zu studieren begannen und von denendie letzten gerade jetzt ihr Examen machen. Ach, damals: Ich war auf einer Universität, der nur die Kliniken übriggeblieben waren. In jenem Winter 1945/46 war es kalt, nirgendwo wurde geheizt. Nur die Kliniken waren warm. Wir hatten unsere erste Vorlesung morgens um 7 Uhr: „Die Ideenlehre Platons.“ Nach dem Philosophen schritt der Mathematiker zum Podium, nach dem Mathematiker entrollte ein Assistent Lehrtafeln von menschlichen Organen, die eine medizinische Vorlesung ankündigten. Und danach sprang ein kleiner, weißhaariger Mann im schwarzen Rock auf das Podium: ein katholischer Theologe, siebzigjährig, langer KZ-Haft entronnen und doch jünger als wir alle, wenn er seine „philosophische Abrechnung mit dem Nationalsozialismus“ las. Nicht nur wegen der Wärme sind wir damals von 7 Uhr morgens bis zur orientalischen Teppichkunde um 5 Uhr nachmittags im Hörsaal sitzengeblieben: uns hatte die Leidenschaft des Geistes gepackt, und da wir sie bis dahin noch nicht einmal, dem Namen nach kannten, verfielen wir ihr.

Verbindungen haben wir nicht gehabt, wohl aber haben wir uns alle gekannt. Trat morgens einer um 7 Uhr in den Hörsaal und stellte fest, daß alle Sitzplätze durch ein paar Kollegen schon für Freunde belegt waren, dann winkte einem immer jemand zu, dessen Namen man nicht wußte: und man konnte sich setzen. Trotz all ihres Eifers hat diese Generation keine glänzenden Examen gemacht. Sie hatten zu viel versäumt und nachher während des Studiums zu viel gehungert. Dennoch ist ihr von Eduard Spranger das Zeugnis ausgestellt worden, daß sie „aus der Erfahrung von vierzig Jahren“ gesehen, „die beste war, der ich je begegnet bin: „wenig Wissen, aber edelste menschliche Substanz.“

Der zweite Schub ist heute zwischen 18 und 22 Jahr alt. Die Professoren sagen über diese Studenten viel Gutes: sie wüßten mehr als die vorigen; sie seien von größerer Exaktheit, könnten klarer denken; sie gingen nüchtern und ohne Seitenwege auf ihr Ziel los. Es sei etwas Frisches an diesen Studenten, aber gleichzeitig etwas merkwürdig „Unjugendliches“: es fehle ihnen derHang zur Torheit, den sie doch als junge Men-

schen noch haben müßten. Trieben sie aber doch einmal Unfug, so sei er ohne Charme und Witz – einfach grob. Die Richtigkeit dieser Behauptung haben in den letzten Tagen Aachener Studenten bewiesen: in einer sogenannten „Polternacht“ zu Ehren ihres neuen Rektors überfielen sie zwei sechzehnjährige Mädchen, schlugen einen Arbeiter nieder, verletzten die Besitzerin eines Nachtlokals ...

Natürlich sind die Randalierenden aus Aachen nicht symptomatisch für die Studentenschaft: aber die Poesielosigkeit, die aus der Anlage ihrer „Streiche“ spricht, haben wohl viele andere Studenten mit ihnen gemeinsam, die selbstverständlich nie die Brutalität zu ihrer Ausführung aufbrächten. Ohne Poesie, ohne jede Romantik zu leben, ist für einen Menschen im gesetzten Alter vielleicht richtig – für jüngere aber kann es eine gefährliche Verkürzung des Fühlens, Wollens und Denkens werden. Der nur Nüchterne ist beileibe nicht derjenige, der einer Vermassung am besten widersteht. Im Gegenteil: Die Mächte, die uns aus unserer eigenen Persönlichkeit vertreiben wollen, machen nicht vor einem nur räsonnierenden Verstand, sondern höchstens vor einem vollen Herzen halt Wer ganz ohne das Irrationale lebt, wird schneller zum Roboter als ein Träumer.